03.08.2010 - Ein fast frierendes Fis
Die neue, grandiose CD des Artemis Quartetts
Hat Gustav Mahler sein berühmtes Adagietto bei Beethoven geklaut? Das wäre doch
mal eine Nachricht für Plagiats-Hysteriker. Aber so einfach ist es nicht, nur so
ähnlich. Es geht um Verwandtschaft, nicht um Diebstahl. Beethovens Cavatina aus
dem späten Streichquartett opus 130 nimmt im Gestus des Unstillbaren bis hin zur
Harmonik ihrer Höhepunkte so viel von der Sehnsuchtsmusik des Adagietto vorweg,
dass man sich wundert, es nicht eher bemerkt zu haben. Vielleicht, weil erst jetzt das
Artemis Quartett dieses Werk eingespielt hat. Ein Ensemble, das sich dem
Repertoire von einem anderen Horizont her zu nähern scheint als vergleichbar
perfekte Formationen. Viele Quartette klingen oft noch ein bisschen nach
geschützter Werkstatt und weltferner Veredelung. Sie erkunden die Musik innerhalb
der Noten. Die Artemis-Leute kommen aus dem Leben und suchen es auch bei
Beethoven.
So wird neben der sentimentalen Melodie der Cavatina der geradezu spätromantische Sog spürbar, den die Nebenstimmen entfalten. Vier starke, sehr
verschiedene Persönlichkeiten bohren sich hier in ihre Partien hinein, öffnen sie,
verbinden sie, eine Depression wird berührt, aber auch eine Weite jenseits der
Musik sichtbar. In diese Weite kracht dann die Große Fuge, das erratischste,
abnutzungsresistenteste Stück der Quartettliteratur bis heute, komplex und
chaotisch und exzessiv. Nicht nur dem Uraufführungskritiker kam sie 1826 so
»chinesisch«, also unverständlich vor, dass Beethoven sie durch ein gefälligeres
Finale ersetzte. Im Grunde versteht kein Mensch dieses Stück, aber fragt man einen
Vulkan, was er uns mit seinem Ausbruch sagen will? Freilich ist dieser Ausbruch
auch ein Extremfall kontrapunktischer Konzentration, aber das lässt die vier
Musiker aus Berlin nicht in respektvoller Analyse erstarren. Sie ersparen sich und
uns keinen der umherfliegenden Splitter und Glutfetzen.
Sie begeben sich mit offenem Visier ins Katastrophengebiet und formen es zugleich.
Man fühlt einen großen Bogen über die fünfzehn Minuten hinweg. Und man erlebt
Szenen inmitten der durchknallenden Struktur. Hier eine seltsame kleine Rokoko-
Idylle mit seidigem Fell, da ein karges Plateau, auf dem Achtelfiguren in gleichen
Abständen detonieren, in allen vier Stimmen, als verbände sie ein
Zündmechanismus.
Für solche Plastizität brauchen Musiker überragende Technik, Selbstbewusstsein
auch gegenüber dem Komponisten, vor allem aber eine szenische Sensibilität, die
vielleicht das eigentlich Unverwechselbare dieses Ensembles ist. Bis in den
einzelnen Ton: Da gibt es im ersten Satz von opus 130 dieses fast frierende Fis in
einem Adagio-Einschub, mit der uns Beethoven und die erste Geigerin Natalia
Prischepenko an den stockenden, trüben Beginn des Werkes erinnern.
Den sollte man aber nicht als Erstes
hören, wenn man eine Ermunterung
braucht, sondern das sechste der
frühen opus 18-Quartette. So
tänzerisch, dialogisch,
kohlensäurehaltig prickelnd ist das
noch nie losgegangen. Herrlich, wenn
ein Cellist nicht in jedem Solo gleich
satten Ton vorführen will, sondern
seinen Bogen auch mal knapp über der
Saite schweben lässt, Potenzial andeutet statt ausschöpft, wie Eckart Runge;
berührend, welche Emphase der Geiger Gregor Sigl in eine kleine Antwort legen
kann, während die unprätentiöse Präsenz des Bratschers Friedemann Weigle alles
verbindet. Das Brachiale, ja Triviale, das Beethoven (wie dann wieder Mahler) auch
einsetzt, arbeiten sie genauso existenziell heraus wie Schritte am Weltrand: Wo
hörte man die Unisono-Skala im Adagio je so tonlos und beklemmend aufsteigen,
dass man aufatmet, wenn die Töne wieder zu leben beginnen? Grandios.
Wie das späte hat auch das frühe B-Dur-Quartett seinen melancholischen Satz mit
anschließendem Ausbruch – der im opus 18/6 eher ironisch statt vulkanisch
vonstatten geht. Beim Artemis Quartett mündet dieses durchtriebene Finaltänzchen
in ein Prestissimo, das schier über den Schlussstrich hinausrast, aus der Partitur
heraus, bis man Beethoven wie in einem Road Runner-Zeichentrickfilm in einer
Staubwolke am Horizont verschwinden sieht.
Volker Hagedorn
2010
23.04.2010 - Drama und Schmerz: Das Artemis- Quartett im Kammermusiksaal
Wie gewaltig reißt der Horizont dessen auf, was man fühlen, was man sagen kann mit Beethovens späten Streichquartetten. Das Artemis-Quartett begibt sich auf eine weltweite Reise durch sein gesamtes Quartettschaffen. Und es tut bei seiner Station im Kammermusiksaal gut daran, die Werke nicht streng chronologisch aufzuführen, sondern immer neu zu spannungsgeladenen Kombinationen zu bündeln. So führt der Weg vom Streichquartett op. 14 über das „Harfenquartett“ op. 74 hin zum enigmatischen op. 131. Während konventionelle Satzstrukturen zurücktreten, die Variationen zunehmen, verdichtet sich zugleich auf geradezu unheimliche Weise der Zusammenhalt der Musik. Alles, was da stockt und in Trugschlüsse mündet, ist Teil eines größeren Ganzen. Diese Freude, dieser Schmerz der ganzen Welt – wenn sie ihn denn hören mag. So, wie das Artemis-Quartett seinen Beethoven spielt, ist das keine Frage. Da gibt es kein Ausruhen auf der harmonischen Grasnabe, aber auch keine Dauerhysterie der Primgeige. Dramatik entsteht, das verkörpern Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge, wenn gleich starke Kräfte zusammenströmen. In den Momenten, in denen scheinbar nichts die Oberhand gewinnt, beginnen unsere Erwartungen zu rotieren. Da wird ein anhebendes Scherzo unisono akustisch gelöst, um es sogleich wieder zu errichten. Das Leben wie von Opus 131 bezeugt: eine Sisyphusarbeit und ein unaufhaltsamer Ritt in die Dunkelheit. Aber welche Tiefe der Empfindungen. Dem Artemis-Quartett sei Dank!
Ulrich Amling
Wie gewaltig reißt der Horizont dessen auf, was man fühlen, was man sagen kann mit Beethovens späten Streichquartetten. Das Artemis-Quartett begibt sich auf eine weltweite Reise durch sein gesamtes Quartettschaffen. Und es tut bei seiner Station im Kammermusiksaal gut daran, die Werke nicht streng chronologisch aufzuführen, sondern immer neu zu spannungsgeladenen Kombinationen zu bündeln. So führt der Weg vom Streichquartett op. 14 über das „Harfenquartett“ op. 74 hin zum enigmatischen op. 131. Während konventionelle Satzstrukturen zurücktreten, die Variationen zunehmen, verdichtet sich zugleich auf geradezu unheimliche Weise der Zusammenhalt der Musik. Alles, was da stockt und in Trugschlüsse mündet, ist Teil eines größeren Ganzen. Diese Freude, dieser Schmerz der ganzen Welt – wenn sie ihn denn hören mag. So, wie das Artemis-Quartett seinen Beethoven spielt, ist das keine Frage. Da gibt es kein Ausruhen auf der harmonischen Grasnabe, aber auch keine Dauerhysterie der Primgeige. Dramatik entsteht, das verkörpern Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge, wenn gleich starke Kräfte zusammenströmen. In den Momenten, in denen scheinbar nichts die Oberhand gewinnt, beginnen unsere Erwartungen zu rotieren. Da wird ein anhebendes Scherzo unisono akustisch gelöst, um es sogleich wieder zu errichten. Das Leben wie von Opus 131 bezeugt: eine Sisyphusarbeit und ein unaufhaltsamer Ritt in die Dunkelheit. Aber welche Tiefe der Empfindungen. Dem Artemis-Quartett sei Dank!
Ulrich Amling
16.03.2010 - Three Beethovens in one program
Among the many possible compliments one could give a chamber music group, the Artemis Quartet alone can persuade you not to long for the supposed golden past.
As one who has puzzled over the legendary Budapest Quartet recordings - how could anybody make such heavy weather of Mozart that it sounds like Brahms? - I was particularly pleased to hear how the Artemis Quartet's all-Beethoven program Sunday at the Kimmel Center sounded as if three different composers were at hand. In Beethoven's case, there were.
Beethoven's piano sonatas have seeds of the late ones in the early ones, but that's not the case in the challengingly transparent string quartet medium. In Op. 18, No. 2, the 30-year-old composer was uncharacteristically careful - apparent thanks to Artemis' ability to banish all hindsight knowledge of his later works from the performance.
With its sparing use of vibrato and 18th-century-ish style, the music was taken on its own terms, and in ways that weren't always flattering. Formality was evident: Had the instruments been speaking German to each other, they would not have used the familiar "du." Also apparent was the halting progression of Beethoven's thoughts - and that his attempts to integrate disparate elements weren't so convincing.
A decade later, Beethoven's mastery of the medium is so complete that String Quartet in F minor, Op. 95 (Quartetto serioso) leapt off the Perelman Theater stage. The four voices of the quartet think and act as one, almost impulsively but with great purpose in some of the composer's most compelling musical gestures. Would such qualities have been so clear had Artemis not revealed Beethoven struggling with so little grace earlier?
With String Quartet, Op. 132 15 years later, the infirm Beethoven had withdrawn from the very idea of writing for an audience. While Op. 95 has ideas that could only be conceived for string quartet, Op. 132 is about pure musical thought that happens to be manifested in four voices, similar in character to Bach's Art of the Fugue.
Still using vibrato sparingly, Artemis made no attempts to apply stylish phrasing or harmonic gloss to Op. 132, laying bare its unmelodic severity and curiously obsessive repetition, so much that the few instances of tunefulness felt like a desert oasis.
In this 100th U.S. concert by the Berlin-based quartet (so said Philadelphia Chamber Music Society, the concert presenter), the group exuded its typical technical solidity though not the personality in the incidental solos that makes the group's excellent new Beethoven set on the Virgin label so engaging.
David Patrick Stearns
Among the many possible compliments one could give a chamber music group, the Artemis Quartet alone can persuade you not to long for the supposed golden past.
As one who has puzzled over the legendary Budapest Quartet recordings - how could anybody make such heavy weather of Mozart that it sounds like Brahms? - I was particularly pleased to hear how the Artemis Quartet's all-Beethoven program Sunday at the Kimmel Center sounded as if three different composers were at hand. In Beethoven's case, there were.
Beethoven's piano sonatas have seeds of the late ones in the early ones, but that's not the case in the challengingly transparent string quartet medium. In Op. 18, No. 2, the 30-year-old composer was uncharacteristically careful - apparent thanks to Artemis' ability to banish all hindsight knowledge of his later works from the performance.
With its sparing use of vibrato and 18th-century-ish style, the music was taken on its own terms, and in ways that weren't always flattering. Formality was evident: Had the instruments been speaking German to each other, they would not have used the familiar "du." Also apparent was the halting progression of Beethoven's thoughts - and that his attempts to integrate disparate elements weren't so convincing.
A decade later, Beethoven's mastery of the medium is so complete that String Quartet in F minor, Op. 95 (Quartetto serioso) leapt off the Perelman Theater stage. The four voices of the quartet think and act as one, almost impulsively but with great purpose in some of the composer's most compelling musical gestures. Would such qualities have been so clear had Artemis not revealed Beethoven struggling with so little grace earlier?
With String Quartet, Op. 132 15 years later, the infirm Beethoven had withdrawn from the very idea of writing for an audience. While Op. 95 has ideas that could only be conceived for string quartet, Op. 132 is about pure musical thought that happens to be manifested in four voices, similar in character to Bach's Art of the Fugue.
Still using vibrato sparingly, Artemis made no attempts to apply stylish phrasing or harmonic gloss to Op. 132, laying bare its unmelodic severity and curiously obsessive repetition, so much that the few instances of tunefulness felt like a desert oasis.
In this 100th U.S. concert by the Berlin-based quartet (so said Philadelphia Chamber Music Society, the concert presenter), the group exuded its typical technical solidity though not the personality in the incidental solos that makes the group's excellent new Beethoven set on the Virgin label so engaging.
David Patrick Stearns
02.03.2010 - Beethoven That Is Robust, if a Little Strange
You would think that when a string quartet changes two players the fundamental character of the ensemble would alter. The excellent all-Beethoven concert that the Berlin-based Artemis Quartet played at Town Hall on Sunday afternoon, presented by the popularly priced Peoples' Symphony Concerts, suggested otherwise.
This acclaimed quartet emerged as a professional ensemble in 1994. But in 2007 two players left — one for personal reasons, the other for a serious arm impairment — and were replaced by the violinist Gregor Sigl and the violist Friedemann Weigle. The remaining original members — the first violinist Natalia Prischepenko and the cellist Eckart Runge — clearly bring strong artistic profiles to bear because the essential quality of the Artemis of old is still there.
This group finds a balance between projecting musical structure and conveying immediacy. The players cultivate unity of thought and intention but not conformity of sound and style. Ms. Prischepenko's playing is lustrous and expressive yet focused and honest; Mr. Sigl's tone is velvety, his playing refined; Mr. Weigle combines dusky tone with hotblooded urgency; Mr. Runge is a supremely musical and nuanced cellist.
The Beethoven performances the Artemis offered were remarkably cogent and organic. The group dispatched the agitated, mercurial first movement of the Quartet in F minor (Op. 95) ("Quartetto Serioso") with a deft combination of rhapsodic vigor and cool control.
The elusive second movement was riveting, as Mr. Runge played the eerie pizzicato cello line with deceptive nonchalance and spectral colorings.
The Quartet in E flat (Op. 127), the first of the five late works, is my favorite of the Beethoven quartets, partly because it is so blithely strange. Artemis captured that quality in an engrossing performance. For example, in the middle of the pensive slow movement the music breaks out into something reminiscent of a sentimental German beer-hall tune complete with an oompah dance riff, qualities impishly conveyed here. The seemingly breezy theme of the finale has astonishing twists embedded in its phrases and harmonies, vividly realized by Artemis.
The ensemble ended with a brilliant yet never ostentatiously showy account of the Quartet in C (Op. 59, No. 3), the last of the three "Razumovsky" quartets. Like several other quartets, including the Emerson, the two violinists and the violist of the Artemis Quartet stand to play. The cellist, naturally, sits on a riser to bring him into eye contact with his colleagues. This arrangement seemed to encourage freedom among the Artemis players. The practice may catch on.
Anthony Tommasini
You would think that when a string quartet changes two players the fundamental character of the ensemble would alter. The excellent all-Beethoven concert that the Berlin-based Artemis Quartet played at Town Hall on Sunday afternoon, presented by the popularly priced Peoples' Symphony Concerts, suggested otherwise.
This acclaimed quartet emerged as a professional ensemble in 1994. But in 2007 two players left — one for personal reasons, the other for a serious arm impairment — and were replaced by the violinist Gregor Sigl and the violist Friedemann Weigle. The remaining original members — the first violinist Natalia Prischepenko and the cellist Eckart Runge — clearly bring strong artistic profiles to bear because the essential quality of the Artemis of old is still there.
This group finds a balance between projecting musical structure and conveying immediacy. The players cultivate unity of thought and intention but not conformity of sound and style. Ms. Prischepenko's playing is lustrous and expressive yet focused and honest; Mr. Sigl's tone is velvety, his playing refined; Mr. Weigle combines dusky tone with hotblooded urgency; Mr. Runge is a supremely musical and nuanced cellist.
The Beethoven performances the Artemis offered were remarkably cogent and organic. The group dispatched the agitated, mercurial first movement of the Quartet in F minor (Op. 95) ("Quartetto Serioso") with a deft combination of rhapsodic vigor and cool control.
The elusive second movement was riveting, as Mr. Runge played the eerie pizzicato cello line with deceptive nonchalance and spectral colorings.
The Quartet in E flat (Op. 127), the first of the five late works, is my favorite of the Beethoven quartets, partly because it is so blithely strange. Artemis captured that quality in an engrossing performance. For example, in the middle of the pensive slow movement the music breaks out into something reminiscent of a sentimental German beer-hall tune complete with an oompah dance riff, qualities impishly conveyed here. The seemingly breezy theme of the finale has astonishing twists embedded in its phrases and harmonies, vividly realized by Artemis.
The ensemble ended with a brilliant yet never ostentatiously showy account of the Quartet in C (Op. 59, No. 3), the last of the three "Razumovsky" quartets. Like several other quartets, including the Emerson, the two violinists and the violist of the Artemis Quartet stand to play. The cellist, naturally, sits on a riser to bring him into eye contact with his colleagues. This arrangement seemed to encourage freedom among the Artemis players. The practice may catch on.
Anthony Tommasini
01.02.2010 - Formidable Klangkultur
Das Artemis Quartett mit Beethoven im Herkulessaal
Das Artemis Quartett führte im Herkulessaal diesmal durch drei verschiedene Phasen von Beethovens Streichquartettwerk. Das muntere F-Dur Quartett Nr. 1 aus Opus 18 verbreitete die quellende Frische seiner frühen Kammermusik. Man hörte es ihm nicht an, dass es sich um die Umarbeitung einer älteren Fassung handelte. Und das formidable Artemis-Quartett ließ mit schlackenloser, geradezu apollinischer Klangkultur nichts vom Beethoven"schen Ringen um neue Formkonzentration merken.
Nach dem magischen Adagio, einem tänzerischen Scherzo-Allegro und dem musikantischen Rondo-Finale wurde es aber ernst. Mit dem Quartett f-Moll op. 95 war man beim mittleren Beethoven, nach den Rasoumowsky-Quartetten. "Quartetto serioso" hat er das kurze Werk überschrieben und damit vor Leichtfertigkeit gewarnt. Bis auf die kesse Schluss-Stretta bestimmen dann tatsächlich introvertierte Verschlossenheit und widerspenstiges Brio seinen Charakter. Man sagt ihm nach, es wäre nach der unglücklichen Liebesaffäre mit Therese Malfatti entstanden.
Danach war man reif für den späten Meister. Im a-Moll-Quartett op. 132, entstanden 1825 nach der Genesung von einer schweren Darmentzündung, führt es gleich im ersten Satz in die Dialektik struktureller und motivischer Disparatheiten des Spätstils. Das Artemis-Ensemble fand zu einer überlegenen Synthese mit einem Wechselspiel zwischen tänzerischer und elegischer Diktion. Gleiches gelang im "Heiligen Dankgesang eines Genesenden" zwischen dem ergreifenden Molto-adagio-Choral und dem beschwingten Andante "Neue Kraft fühlend". Der expressive Geigenton von Natalia Prishepenko und das kultivierte Cellospiel von Eckard Runge rissen immer wieder zu Bewunderung hin. Beifallsstürme im ausverkauften Saal.
KLAUS P. RICHTER
Das Artemis Quartett mit Beethoven im Herkulessaal
Das Artemis Quartett führte im Herkulessaal diesmal durch drei verschiedene Phasen von Beethovens Streichquartettwerk. Das muntere F-Dur Quartett Nr. 1 aus Opus 18 verbreitete die quellende Frische seiner frühen Kammermusik. Man hörte es ihm nicht an, dass es sich um die Umarbeitung einer älteren Fassung handelte. Und das formidable Artemis-Quartett ließ mit schlackenloser, geradezu apollinischer Klangkultur nichts vom Beethoven"schen Ringen um neue Formkonzentration merken.
Nach dem magischen Adagio, einem tänzerischen Scherzo-Allegro und dem musikantischen Rondo-Finale wurde es aber ernst. Mit dem Quartett f-Moll op. 95 war man beim mittleren Beethoven, nach den Rasoumowsky-Quartetten. "Quartetto serioso" hat er das kurze Werk überschrieben und damit vor Leichtfertigkeit gewarnt. Bis auf die kesse Schluss-Stretta bestimmen dann tatsächlich introvertierte Verschlossenheit und widerspenstiges Brio seinen Charakter. Man sagt ihm nach, es wäre nach der unglücklichen Liebesaffäre mit Therese Malfatti entstanden.
Danach war man reif für den späten Meister. Im a-Moll-Quartett op. 132, entstanden 1825 nach der Genesung von einer schweren Darmentzündung, führt es gleich im ersten Satz in die Dialektik struktureller und motivischer Disparatheiten des Spätstils. Das Artemis-Ensemble fand zu einer überlegenen Synthese mit einem Wechselspiel zwischen tänzerischer und elegischer Diktion. Gleiches gelang im "Heiligen Dankgesang eines Genesenden" zwischen dem ergreifenden Molto-adagio-Choral und dem beschwingten Andante "Neue Kraft fühlend". Der expressive Geigenton von Natalia Prishepenko und das kultivierte Cellospiel von Eckard Runge rissen immer wieder zu Bewunderung hin. Beifallsstürme im ausverkauften Saal.
KLAUS P. RICHTER
28.01.2010 - Scheitelkunst: Beethoven auf den Kopf gestellt
Alles Frühe klingt spät, alles Liebliche gefriert: Das Artemis Quartett spielt Beethoven in Berlin.
Ein grandioses, so beflügelndes wie beklemmendes Konzert – die Piazzolla-Zugabe jedenfalls (und das sagt alles!), die das Publikum dem Artemis Quartett im nahezu ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie abtrotzte, hätte es gar nicht gebraucht. Zwei Stunden Beethoven wie aus dem Bilderbuch des modernen Streichquartettspiels, die reine Kür, was Präzision und klangliche Homogenität angeht, oft bis in die letzten Bogenhaare hinein. Und doch: fast ein wenig zu penibel auf Perfektion bedacht, wie unter einer feinen Panzerglasglocke gespielt. Meister des gegenseitigen Sich-Überraschens, Ins-Wort-, ja In-den-Rücken-Fallens sind sie nicht, die „Artemisianer“, alles Ungebärdige ist ihnen suspekt. Wenn nur die langsamen Sätze nicht wären ...
Mit drei Werken setzt das Artemis Quartett nun seinen Beethoven-Zyklus fort, pflanzt sie wie Beutestücke auf Lanzen: das frühe, Haydn-nahe op. 18 Nr. 1, das grimmige „Quartetto serioso“ op. 95 und nach der Pause das späte, in jeder Beziehung völlig ausufernde op. 132. Ein Dreisprung, der die gemeine Beethoven-Interpretation ziemlich auf den Kopf stellt. Alles Frühe mutet plötzlich verrückt an und spät und überhaupt nicht klassisch, alles Liebliche gefriert, alles Kämpferische, Titanische ergießt sich in melancholische Weiten, die Angst machen, ja bestürzen und fast John Cage antizipieren oder Morton Feldman. Darunter machen es die „Artemisianer“ auch nicht. Ihr Beethoven mag Scheitel tragen statt Wuschelkopf – konventionell oder in irgendeiner Weise zufällig, gar beliebig ist er nicht.
Der Instinkt, mit dem Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge an den Stellschrauben eines Sonatensatzes wie dem Allegro con brio aus op. 18 drehen, die Aggressivität, mit der sie noch die Scherzo-Position in op. 95 aufladen – all das deutet auf Taten, die Beethoven kompositorisch erst sehr viel später begeht. Vor allem die langsamen Sätze offenbaren sich hier als visionär: mit fahlen, gleichsam entseelten Farben im Glitzergewebe des Adagio affettuoso ed appassionata von 1798, mit bitterem Allegretto-Biss 1810.
Die Potenz solcher Brüchigkeiten freilich erschließt sich erst im Rückgriff, vom zweiten Satz in op. 132 aus, dessen berühmter Titel – „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“ – nicht nur auf Autobiografisches verweist (Beethoven geht 1825 durch eine schwere Krankheit), sondern vor allem auf den Preis, den er künstlerisch fürs Überleben zu zahlen bereit ist. Als habe sich jedwede Form erübrigt, alles Gesellschaftliche sich über Musik-Verstehen und Verständigen auch, so spielt das Artemis Quartett diese Musik. Atemberaubend. Einzelne Töne im kahlen Raum, Tentakeln ins Nirgendwo, ein flüchtiges SichReiben des Viererklangs – und dann dieses ländlernde Tirilieren wie aus fernen glücklicheren Tagen, diese kleine bleiche Pirouette. Was für ein Gruß aus dem Diesseits. Am 21. April geht es weiter.
Christine Lemke-Matwey
Alles Frühe klingt spät, alles Liebliche gefriert: Das Artemis Quartett spielt Beethoven in Berlin.
Ein grandioses, so beflügelndes wie beklemmendes Konzert – die Piazzolla-Zugabe jedenfalls (und das sagt alles!), die das Publikum dem Artemis Quartett im nahezu ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie abtrotzte, hätte es gar nicht gebraucht. Zwei Stunden Beethoven wie aus dem Bilderbuch des modernen Streichquartettspiels, die reine Kür, was Präzision und klangliche Homogenität angeht, oft bis in die letzten Bogenhaare hinein. Und doch: fast ein wenig zu penibel auf Perfektion bedacht, wie unter einer feinen Panzerglasglocke gespielt. Meister des gegenseitigen Sich-Überraschens, Ins-Wort-, ja In-den-Rücken-Fallens sind sie nicht, die „Artemisianer“, alles Ungebärdige ist ihnen suspekt. Wenn nur die langsamen Sätze nicht wären ...
Mit drei Werken setzt das Artemis Quartett nun seinen Beethoven-Zyklus fort, pflanzt sie wie Beutestücke auf Lanzen: das frühe, Haydn-nahe op. 18 Nr. 1, das grimmige „Quartetto serioso“ op. 95 und nach der Pause das späte, in jeder Beziehung völlig ausufernde op. 132. Ein Dreisprung, der die gemeine Beethoven-Interpretation ziemlich auf den Kopf stellt. Alles Frühe mutet plötzlich verrückt an und spät und überhaupt nicht klassisch, alles Liebliche gefriert, alles Kämpferische, Titanische ergießt sich in melancholische Weiten, die Angst machen, ja bestürzen und fast John Cage antizipieren oder Morton Feldman. Darunter machen es die „Artemisianer“ auch nicht. Ihr Beethoven mag Scheitel tragen statt Wuschelkopf – konventionell oder in irgendeiner Weise zufällig, gar beliebig ist er nicht.
Der Instinkt, mit dem Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge an den Stellschrauben eines Sonatensatzes wie dem Allegro con brio aus op. 18 drehen, die Aggressivität, mit der sie noch die Scherzo-Position in op. 95 aufladen – all das deutet auf Taten, die Beethoven kompositorisch erst sehr viel später begeht. Vor allem die langsamen Sätze offenbaren sich hier als visionär: mit fahlen, gleichsam entseelten Farben im Glitzergewebe des Adagio affettuoso ed appassionata von 1798, mit bitterem Allegretto-Biss 1810.
Die Potenz solcher Brüchigkeiten freilich erschließt sich erst im Rückgriff, vom zweiten Satz in op. 132 aus, dessen berühmter Titel – „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“ – nicht nur auf Autobiografisches verweist (Beethoven geht 1825 durch eine schwere Krankheit), sondern vor allem auf den Preis, den er künstlerisch fürs Überleben zu zahlen bereit ist. Als habe sich jedwede Form erübrigt, alles Gesellschaftliche sich über Musik-Verstehen und Verständigen auch, so spielt das Artemis Quartett diese Musik. Atemberaubend. Einzelne Töne im kahlen Raum, Tentakeln ins Nirgendwo, ein flüchtiges SichReiben des Viererklangs – und dann dieses ländlernde Tirilieren wie aus fernen glücklicheren Tagen, diese kleine bleiche Pirouette. Was für ein Gruß aus dem Diesseits. Am 21. April geht es weiter.
Christine Lemke-Matwey
2009
10.12.2009 - Tanzen am Abgrund
Das Artemis-Quartett spielte Beethoven
Ein reines Beethoven-Programm bereitet keine Langeweile, sondern eröffnet Klangwelten von unvergleichlichem musikalischem Reichtum – jedenfalls dann, wenn es so vielschichtig interpretiert wird wie vom Artemis-Quartett.
Eigentlich haben auch sie ein Jubiläumsjahr zu feiern. 1989 wurde an der Musikhochschule Lübeck erstmals unter dem Namen Artemis-Quartett musiziert. Doch nicht bei jedem Mitglied verlief der Lebensweg ensemblekonform, und so musste sich das Quartett vor zwei Jahren halbieren und neu zusammensetzen. Die Operation ist geglückt: Die Artemisianer behielten nicht nur ihr charakteristisches Profil, sondern steigerten sogar die klangliche Qualität – und bewahrten sich bei all der Erfahrung eine Spiellust, die staunen macht.
All dies war bei ihrem Basler Gastspiel zu hören – und noch viel mehr. Die demokratische Haltung des Ensembles zeigte sich nicht nur im Pultwechsel zwischen erster und zweiter Geige, sondern auch in der Interpretation von Beethovens op. 18/6. Obwohl Natalia Prishepenko in diesem Quartett eine führende erste Stimme hatte, dominierte sie niemals das Geschehen. In ihrer so einzigartig kontrollierten wie beweglichen Klangbalance warfen die vier Streicher einander die Melodien zu wie in einer angeregten Unterhaltung – jeder antwortete jedem, aber jeder sagte es auf seine Weise. Dabei kam es nicht zu einem blossen Schlagabtausch effektvoller Themenköpfe, wie man es so oft hört, sondern die Themen wurden mit bezwingender Konsequenz und Dichte stets zu Ende formuliert.
Auch mit Gregor Sigl als Primarius strahlte das Quartett in seinen typischen dunklen, warmen Klangfarben – ohne dabei in Wiener Nonchalance zu verfallen. Die vier Wahlberliner interpretierten Beethovens letztes Streichquartett op. 135 mit einer gewissen preussischen Abgeklärtheit, die keinen Platz liess für Sentimentalitäten – wohl aber für ein tiefes inneres Verständnis, ohne das dieses formal zerklüftete Werk wohl kaum in einem solch runden Bogen zu spielen wäre.
Und als hätten sie die musikalische Spannung nicht schon bis zum Äussersten getrieben, das innere Brodeln fast zum Überkochen gebracht, da setzten sie im Schlusssatz von op. 59/3 noch einen drauf. In rasendem Tempo wühlten sie sich durch die Achtel, und das verschmitzte Lächeln auf ihren Gesichtern zeigte: Sie tanzen gern am Abgrund. Jeden Abend aufs Neue.
Jenny Berg
Das Artemis-Quartett spielte Beethoven
Ein reines Beethoven-Programm bereitet keine Langeweile, sondern eröffnet Klangwelten von unvergleichlichem musikalischem Reichtum – jedenfalls dann, wenn es so vielschichtig interpretiert wird wie vom Artemis-Quartett.
Eigentlich haben auch sie ein Jubiläumsjahr zu feiern. 1989 wurde an der Musikhochschule Lübeck erstmals unter dem Namen Artemis-Quartett musiziert. Doch nicht bei jedem Mitglied verlief der Lebensweg ensemblekonform, und so musste sich das Quartett vor zwei Jahren halbieren und neu zusammensetzen. Die Operation ist geglückt: Die Artemisianer behielten nicht nur ihr charakteristisches Profil, sondern steigerten sogar die klangliche Qualität – und bewahrten sich bei all der Erfahrung eine Spiellust, die staunen macht.
All dies war bei ihrem Basler Gastspiel zu hören – und noch viel mehr. Die demokratische Haltung des Ensembles zeigte sich nicht nur im Pultwechsel zwischen erster und zweiter Geige, sondern auch in der Interpretation von Beethovens op. 18/6. Obwohl Natalia Prishepenko in diesem Quartett eine führende erste Stimme hatte, dominierte sie niemals das Geschehen. In ihrer so einzigartig kontrollierten wie beweglichen Klangbalance warfen die vier Streicher einander die Melodien zu wie in einer angeregten Unterhaltung – jeder antwortete jedem, aber jeder sagte es auf seine Weise. Dabei kam es nicht zu einem blossen Schlagabtausch effektvoller Themenköpfe, wie man es so oft hört, sondern die Themen wurden mit bezwingender Konsequenz und Dichte stets zu Ende formuliert.
Auch mit Gregor Sigl als Primarius strahlte das Quartett in seinen typischen dunklen, warmen Klangfarben – ohne dabei in Wiener Nonchalance zu verfallen. Die vier Wahlberliner interpretierten Beethovens letztes Streichquartett op. 135 mit einer gewissen preussischen Abgeklärtheit, die keinen Platz liess für Sentimentalitäten – wohl aber für ein tiefes inneres Verständnis, ohne das dieses formal zerklüftete Werk wohl kaum in einem solch runden Bogen zu spielen wäre.
Und als hätten sie die musikalische Spannung nicht schon bis zum Äussersten getrieben, das innere Brodeln fast zum Überkochen gebracht, da setzten sie im Schlusssatz von op. 59/3 noch einen drauf. In rasendem Tempo wühlten sie sich durch die Achtel, und das verschmitzte Lächeln auf ihren Gesichtern zeigte: Sie tanzen gern am Abgrund. Jeden Abend aufs Neue.
Jenny Berg
09.12.2009 - Auf ewig frischverliebt
Zwei Stunden, in denen die Welt still steht: Ein Konzert des Artemis-Streichquartetts ist ein traumhaftes Live-Erlebnis. Auf ihrer permanenten Weltreise bringen die Berliner in dieser und der nächsten Saison alle Beethoven-Quartette in die Konzertsäle.
Nichts zwingt derart auf den Stuhl und in die Höhe wie die totale Konzentration der radikalen Demokratie von vier Streichern, die zu gleicher Zeit in und außer sich sind, mit ihrem Instrument und dem der anderen beschäftigt, Innen- und Außenohr. Nichts löscht den Angriff von Erinnerung und Sorge auf jede gelebte Sekunde so vollkommen aus wie die Zentraldisziplin der Kammermusik - jedenfalls, seitdem sich diese Gattung von einer "conversation galante et amusante" zu einem Gespräch unter vier Personen entwickelt hat. Und das ist mit und seit Beethoven der Fall.
Wenn es gut geht, dann hören diese Vier mit einer Intensität einander zu, die sonst nur schwer Verliebten in der allerersten Phase möglich ist: Jeder Ton, jedes Wort und jeder Satz wiegen so schwer wie nie mehr, weil der Reichtum des Erhofften und noch nicht Gesagten in allen Phrasen schwingt. Und jede Auseinandersetzung, jedes Ringen, jede tonale Entzweiung atmet den Schock des Unerhörten, des Unglaublichen, des noch nie Dagewesenen. Und nie setzt jene trübe Entladung ein, wie sie bei alten Paaren beinahe unvermeidbar ist - wenn es denn so gut geht, wie es nur gehen kann.
Absolute Perfektion
Damit ist beim Artemis Quartett unbedingt zu rechnen. Natalia Prischepenko und Gregor Sigl (Violinen), Friedemann Weigle (Viola) und Eckart Runge (Violoncello) sind derzeit damit beschäftigt, den gesamten Quartett-Beethoven auf CD einzuspielen; zwei renommierte französische Preise, "Diapason d'Or" und "Choc", haben sie (für Op. 18/4 und 59/2) dafür schon bekommen.
In den legendären Teldex-Studios in Berlin verbringen sie manchen Tag mit einem einzigen Satz, redend, nachdenkend, spielend - um jene absolute Perfektion zu erzielen, die auf der Bühne nie möglich ist.
Dafür findet dort etwas Anderes statt, die Verdichtung der Präsenz durch die Anwesenheit eines Publikums, das, wie zu erwarten ist, für knapp zwei Stunden alles vergisst, was nicht musikalische Gegenwart ist: vital und traumhaft durchsichtig, tief berührend und, wenn nötig, an den Rändern schroff.
Elke Schmitter
Zwei Stunden, in denen die Welt still steht: Ein Konzert des Artemis-Streichquartetts ist ein traumhaftes Live-Erlebnis. Auf ihrer permanenten Weltreise bringen die Berliner in dieser und der nächsten Saison alle Beethoven-Quartette in die Konzertsäle.
Nichts zwingt derart auf den Stuhl und in die Höhe wie die totale Konzentration der radikalen Demokratie von vier Streichern, die zu gleicher Zeit in und außer sich sind, mit ihrem Instrument und dem der anderen beschäftigt, Innen- und Außenohr. Nichts löscht den Angriff von Erinnerung und Sorge auf jede gelebte Sekunde so vollkommen aus wie die Zentraldisziplin der Kammermusik - jedenfalls, seitdem sich diese Gattung von einer "conversation galante et amusante" zu einem Gespräch unter vier Personen entwickelt hat. Und das ist mit und seit Beethoven der Fall.
Wenn es gut geht, dann hören diese Vier mit einer Intensität einander zu, die sonst nur schwer Verliebten in der allerersten Phase möglich ist: Jeder Ton, jedes Wort und jeder Satz wiegen so schwer wie nie mehr, weil der Reichtum des Erhofften und noch nicht Gesagten in allen Phrasen schwingt. Und jede Auseinandersetzung, jedes Ringen, jede tonale Entzweiung atmet den Schock des Unerhörten, des Unglaublichen, des noch nie Dagewesenen. Und nie setzt jene trübe Entladung ein, wie sie bei alten Paaren beinahe unvermeidbar ist - wenn es denn so gut geht, wie es nur gehen kann.
Absolute Perfektion
Damit ist beim Artemis Quartett unbedingt zu rechnen. Natalia Prischepenko und Gregor Sigl (Violinen), Friedemann Weigle (Viola) und Eckart Runge (Violoncello) sind derzeit damit beschäftigt, den gesamten Quartett-Beethoven auf CD einzuspielen; zwei renommierte französische Preise, "Diapason d'Or" und "Choc", haben sie (für Op. 18/4 und 59/2) dafür schon bekommen.
In den legendären Teldex-Studios in Berlin verbringen sie manchen Tag mit einem einzigen Satz, redend, nachdenkend, spielend - um jene absolute Perfektion zu erzielen, die auf der Bühne nie möglich ist.
Dafür findet dort etwas Anderes statt, die Verdichtung der Präsenz durch die Anwesenheit eines Publikums, das, wie zu erwarten ist, für knapp zwei Stunden alles vergisst, was nicht musikalische Gegenwart ist: vital und traumhaft durchsichtig, tief berührend und, wenn nötig, an den Rändern schroff.
Elke Schmitter
04.07.2009 - Herz durch die Wand
Artemis & Co: Reggio Emilia ist das Mekka der Streichquartette. Ein Festivalmärchen. Hier ist nicht die Kammermusik reif fürs Museum, sondern umgekehrt
Eine Krähe schwebt in der Vormittagssonne, ein Fuchs guckt aus der Ecke, ein wilder Eber auch. So lustig hatten sie es schon lange nicht mehr im Stadtmuseum von Reggio Emilia, die ausgestopften Tiere, zwischen denen jetzt vier Frauen um die dreißig sitzen und das Scherzo aus Borodins D-Dur-Streichquartett spielen. Im halben Tempo noch. Das Stück ist für Amateure "really tough stuff", wie Eckart Runge sagt, Cellist des Artemis-Quartetts, der als Lehrer lauscht, während der Fuchs ihm über die Schulter schaut.
Es ist Streichquartett-Zeit in Reggio Emilia. Wer den Vierer ohne Steuermann für eine aussterbende Gattung hält, die von Profis in halbleeren Sälen und von Laien in stillen Kämmerlein betrieben wird, der sollte im Sommer das norditalienische Städtchen besuchen. Wer so etwas liebt, erst recht. Hier ist nicht die Kammermusik reif fürs Museum, sondern umgekehrt.
Reggio Emilia ist eine der zentralen Adressen für Streichquartette, und für das Artemis-Quartett aus Berlin begann hier der Weg zum Olymp. Hier wird alle drei Jahre der Premio Paolo Borciani vergeben, beim renommiertesten Wettbewerb für die Zentraldisziplin der Kammermusik. Als Artemis vor zwölf Jahren teilnahm, sprang eine Jurorin auf, rief "Bravi!" und behielt recht. Das Ensemble wurde Sieger und arbeitete sich seither an die Spitze einer Szene, deren Durchschnittsniveau deutlich über dem des restlichen Musikbetriebs liegt. Nun sind die Artemisten zurückgekehrt: als Stargäste und Lehrer des Festivals, das in jedem wettbewerbsfreien Jahr den Olymp mit der Basis kurzschließt. Das reicht von den öffentlich zugänglichen Proben bis zum Pizzabäcker am Parco del Popolo, der den Ofen heiß hält für die Konzertbesucher - mitunter bis nach Mitternacht.
Was sich in den Theatern, Museen, Unisälen, Kirchen und Palasthöfen der Stadt abspielt, ist geradezu ein Gegenentwurf zu jenen Festspielen, bei denen man sich im Glanz großer Spektakel sonnt. Natürlich macht sich auch in Reggio mancher schick fürs Konzert, viele Ältere pflegen lässige Eleganz. Aber alles andere geht auch. Kammermusikveranstaltern, an einen Altersdurchschnitt von 60 Jahren gewöhnt, müssten Neidtränen in die Augen treten beim Anblick sparsam bekleideter Zwanzigjähriger, die einem 50-minütigen Schubert-Quartett lauschen.
Vielleicht hat die Mischung auch damit zu tun, dass das Festival von jüngeren Leuten geleitet wird, vom Cellisten Mario Brunelli als künstlerischem Chef und der vielsprachigen Organisatorin Francesca Zini. Nicht, dass alle 160 000 Einwohner versessen auf die Musik der 16 Saiten wären - aber man geht hier selbstverständlicher damit um. Aber ist Reggio normal? Wo sonst im autonärrischen Italien wird derart viel Rad gefahren? Alle Veranstaltungsorte im historischen Kern, den weder Massentourismus noch Globalkettenfilialen verunstalten, liegen in einer autofreien Zone. An den Steinbänken am Brunnen vorm Theater erklingt das Abschlusskonzert des vorjährigen Wettbewerbs. So sind sie einander alle nicht fern, die 34 Amateure, die Stars und die jungen Profiquartette, die sich in Meisterkursen verbessern. Gratis übrigens, obwohl der Festivaletat mit 144 000 Euro eng bemessen ist.
Während sich vormittags in den halligen Sälen des Museums zwischen Römertafeln, Vorzeitknochen und gleichmütig wischenden Putzfrauen die Borodins und Schuberts der Amateure überlagern, wird zehn Fußminuten weiter der Profinachwuchs unterrichtet. In der Uni, einem modernisierten Garnisonspalast, lauscht der Bratscher des Artemis-Quartetts dem polnischen Meccorre-Quartett, das den ersten Satz aus Mendelssohns A-Dur-Quartett so mitreißend spielt, dass Friedemann Weigle sagt: "Es wird harte Arbeit, weil das so gut klingt. What about your faces?" Wie bitte? "Ihr guckt so ernst. Und ihr sitzt so krumm." Er stempelt ihnen Smileys in die Noten - und dann geht es ans Eingemachte. Farbe der Akkorde. Der Anfang könnte ohne Vibrato wie von einer Orgel klingen. Das Thema: agressiv? Nein? Warm? "Warm ist kein Charakter." Das irritiert - und inspiriert sie.
Weigle oszilliert zwischen Philosophie und Handwerk, was auch Eckart Runge tut, wenn er unter den Krallen der Krähe an der Intonation der Liebhaberinnen aus Florenz arbeitet. Sie sind alle berufstätig und haben Familien, sie kommen nicht oft zum Üben. Er sagt nicht, dass es unsauber ist. Er sagt: "Findet einen Klang für den Anfang jedes Taktes." Tonreinheit hat mit Aufeinanderhören zu tun. Wie es ist, wenn vier starke Persönlichkeiten aufeinander hören, das erlebt man abends, wenn das Artemis-Quartett im Studioambiente des Teatro Cavallerizza auftritt. Bis auf den Cellisten spielen sie im Stehen, was bei einer so szenischen Musik wie der des 36-jährigen Jörg Widmann sowieso nicht anders geht. Sein geist- und gestenreiches "Jagdquartett" endet mit dem Tod des Cellisten, der unter den symbolischen Bogenhieben der Kollegen mit Sauriertönen auf der C-Saite verröchelt.
Das ist nicht albern, denn Widmann holt mit einer Mischung aus Intensität und Witz vermeintlich unmusikalische Realität ins edle Medium Streichquartett, ohne es zu zerbrechen. Die vier stehen dazu: Die energiegeladene Natalia Prishepenko, der Hüne Gregor Sigl, der sein Geiglein unendlich sensibel vor der breiten Brust hält, der aufbegehrend rastlose Cellist Runge, der Bratscher Weigle mit seinem Bronson-Lächeln und Attacken, die an Zorro erinnern. Wenn sie dann Tschaikowskys F-Dur-Quartett spielen, fegt es einen um. Innig glühende Modulationen - und in die heroischen Behauptungen stürzen sie sich im vollen Bewusstsein dessen, was der Leidenschaft entgegensteht. Eine maßlose Musik, mit dem Herz durch die Wand, die zugleich klug, körperhaft, intim ergreifend ist.
Erstaunlich, dass dieses Ensemble sich als weiteren Gast das Miro-Quartett gewünscht hat. Die Amerikaner spielen stramm und geistlos vor sich hin. Was ihnen fehlt, haben manche Amateure umso mehr: das Interesse, mit Tönen aufeinander zu reagieren. Selten klingt Boccherinis E-Dur-Quintett sonniger, spannender als im Theaterkeller, wo ein Elektroingenieur aus Reggio und eine Opernchoristin aus Bologna Geige spielen, ein Komponist umsichtig bratscht, während eine Hausfrau aus Osaka und ein Mathelehrer aus Koblenz auf ihren Celli in höchste Lagen klettern: letzte Probe, ehe die Amateure abends die Plätze der Stadt bespielen.
Vorher ertönt noch der schönste aller Cluster: das Stimmengewirr mittags in der Taverna dell'Aquila - das wohl einzige Lokal der Welt, in dem es Spezialtarife für Kammermusiker gibt.
Volker Hagedorn
Artemis & Co: Reggio Emilia ist das Mekka der Streichquartette. Ein Festivalmärchen. Hier ist nicht die Kammermusik reif fürs Museum, sondern umgekehrt
Eine Krähe schwebt in der Vormittagssonne, ein Fuchs guckt aus der Ecke, ein wilder Eber auch. So lustig hatten sie es schon lange nicht mehr im Stadtmuseum von Reggio Emilia, die ausgestopften Tiere, zwischen denen jetzt vier Frauen um die dreißig sitzen und das Scherzo aus Borodins D-Dur-Streichquartett spielen. Im halben Tempo noch. Das Stück ist für Amateure "really tough stuff", wie Eckart Runge sagt, Cellist des Artemis-Quartetts, der als Lehrer lauscht, während der Fuchs ihm über die Schulter schaut.
Es ist Streichquartett-Zeit in Reggio Emilia. Wer den Vierer ohne Steuermann für eine aussterbende Gattung hält, die von Profis in halbleeren Sälen und von Laien in stillen Kämmerlein betrieben wird, der sollte im Sommer das norditalienische Städtchen besuchen. Wer so etwas liebt, erst recht. Hier ist nicht die Kammermusik reif fürs Museum, sondern umgekehrt.
Reggio Emilia ist eine der zentralen Adressen für Streichquartette, und für das Artemis-Quartett aus Berlin begann hier der Weg zum Olymp. Hier wird alle drei Jahre der Premio Paolo Borciani vergeben, beim renommiertesten Wettbewerb für die Zentraldisziplin der Kammermusik. Als Artemis vor zwölf Jahren teilnahm, sprang eine Jurorin auf, rief "Bravi!" und behielt recht. Das Ensemble wurde Sieger und arbeitete sich seither an die Spitze einer Szene, deren Durchschnittsniveau deutlich über dem des restlichen Musikbetriebs liegt. Nun sind die Artemisten zurückgekehrt: als Stargäste und Lehrer des Festivals, das in jedem wettbewerbsfreien Jahr den Olymp mit der Basis kurzschließt. Das reicht von den öffentlich zugänglichen Proben bis zum Pizzabäcker am Parco del Popolo, der den Ofen heiß hält für die Konzertbesucher - mitunter bis nach Mitternacht.
Was sich in den Theatern, Museen, Unisälen, Kirchen und Palasthöfen der Stadt abspielt, ist geradezu ein Gegenentwurf zu jenen Festspielen, bei denen man sich im Glanz großer Spektakel sonnt. Natürlich macht sich auch in Reggio mancher schick fürs Konzert, viele Ältere pflegen lässige Eleganz. Aber alles andere geht auch. Kammermusikveranstaltern, an einen Altersdurchschnitt von 60 Jahren gewöhnt, müssten Neidtränen in die Augen treten beim Anblick sparsam bekleideter Zwanzigjähriger, die einem 50-minütigen Schubert-Quartett lauschen.
Vielleicht hat die Mischung auch damit zu tun, dass das Festival von jüngeren Leuten geleitet wird, vom Cellisten Mario Brunelli als künstlerischem Chef und der vielsprachigen Organisatorin Francesca Zini. Nicht, dass alle 160 000 Einwohner versessen auf die Musik der 16 Saiten wären - aber man geht hier selbstverständlicher damit um. Aber ist Reggio normal? Wo sonst im autonärrischen Italien wird derart viel Rad gefahren? Alle Veranstaltungsorte im historischen Kern, den weder Massentourismus noch Globalkettenfilialen verunstalten, liegen in einer autofreien Zone. An den Steinbänken am Brunnen vorm Theater erklingt das Abschlusskonzert des vorjährigen Wettbewerbs. So sind sie einander alle nicht fern, die 34 Amateure, die Stars und die jungen Profiquartette, die sich in Meisterkursen verbessern. Gratis übrigens, obwohl der Festivaletat mit 144 000 Euro eng bemessen ist.
Während sich vormittags in den halligen Sälen des Museums zwischen Römertafeln, Vorzeitknochen und gleichmütig wischenden Putzfrauen die Borodins und Schuberts der Amateure überlagern, wird zehn Fußminuten weiter der Profinachwuchs unterrichtet. In der Uni, einem modernisierten Garnisonspalast, lauscht der Bratscher des Artemis-Quartetts dem polnischen Meccorre-Quartett, das den ersten Satz aus Mendelssohns A-Dur-Quartett so mitreißend spielt, dass Friedemann Weigle sagt: "Es wird harte Arbeit, weil das so gut klingt. What about your faces?" Wie bitte? "Ihr guckt so ernst. Und ihr sitzt so krumm." Er stempelt ihnen Smileys in die Noten - und dann geht es ans Eingemachte. Farbe der Akkorde. Der Anfang könnte ohne Vibrato wie von einer Orgel klingen. Das Thema: agressiv? Nein? Warm? "Warm ist kein Charakter." Das irritiert - und inspiriert sie.
Weigle oszilliert zwischen Philosophie und Handwerk, was auch Eckart Runge tut, wenn er unter den Krallen der Krähe an der Intonation der Liebhaberinnen aus Florenz arbeitet. Sie sind alle berufstätig und haben Familien, sie kommen nicht oft zum Üben. Er sagt nicht, dass es unsauber ist. Er sagt: "Findet einen Klang für den Anfang jedes Taktes." Tonreinheit hat mit Aufeinanderhören zu tun. Wie es ist, wenn vier starke Persönlichkeiten aufeinander hören, das erlebt man abends, wenn das Artemis-Quartett im Studioambiente des Teatro Cavallerizza auftritt. Bis auf den Cellisten spielen sie im Stehen, was bei einer so szenischen Musik wie der des 36-jährigen Jörg Widmann sowieso nicht anders geht. Sein geist- und gestenreiches "Jagdquartett" endet mit dem Tod des Cellisten, der unter den symbolischen Bogenhieben der Kollegen mit Sauriertönen auf der C-Saite verröchelt.
Das ist nicht albern, denn Widmann holt mit einer Mischung aus Intensität und Witz vermeintlich unmusikalische Realität ins edle Medium Streichquartett, ohne es zu zerbrechen. Die vier stehen dazu: Die energiegeladene Natalia Prishepenko, der Hüne Gregor Sigl, der sein Geiglein unendlich sensibel vor der breiten Brust hält, der aufbegehrend rastlose Cellist Runge, der Bratscher Weigle mit seinem Bronson-Lächeln und Attacken, die an Zorro erinnern. Wenn sie dann Tschaikowskys F-Dur-Quartett spielen, fegt es einen um. Innig glühende Modulationen - und in die heroischen Behauptungen stürzen sie sich im vollen Bewusstsein dessen, was der Leidenschaft entgegensteht. Eine maßlose Musik, mit dem Herz durch die Wand, die zugleich klug, körperhaft, intim ergreifend ist.
Erstaunlich, dass dieses Ensemble sich als weiteren Gast das Miro-Quartett gewünscht hat. Die Amerikaner spielen stramm und geistlos vor sich hin. Was ihnen fehlt, haben manche Amateure umso mehr: das Interesse, mit Tönen aufeinander zu reagieren. Selten klingt Boccherinis E-Dur-Quintett sonniger, spannender als im Theaterkeller, wo ein Elektroingenieur aus Reggio und eine Opernchoristin aus Bologna Geige spielen, ein Komponist umsichtig bratscht, während eine Hausfrau aus Osaka und ein Mathelehrer aus Koblenz auf ihren Celli in höchste Lagen klettern: letzte Probe, ehe die Amateure abends die Plätze der Stadt bespielen.
Vorher ertönt noch der schönste aller Cluster: das Stimmengewirr mittags in der Taverna dell'Aquila - das wohl einzige Lokal der Welt, in dem es Spezialtarife für Kammermusiker gibt.
Volker Hagedorn
23.06.2009 - The Artemis Quartet interview for 'The Piazzolla Project'
The Artemis Quartet on their new album of music by Argentina's Astor Piazzolla
The Artemis Quartet are often asked why, with the whole vast string-quartet repertoire at their feet, they want to play tango music by Astor Piazzolla.
Cellist Eckart Runge, who has been chiefly responsible for triggering the combo's tango-mania, tries to explain. "At first, Piazzolla's music was very private for me," he says, in the quartet's Berlin rehearsal room. "I thought this was my dark, secret life, which was great to have next to the seriousness of quartet playing. But then my colleagues used to tease me and say, 'We want to play this music, too.' So I made an arrangement for the quartet, and I infected them right away and they loved it."
Runge had been soaking himself in Piazzolla's music for years. "I've had this passion since the mid-Eighties, when nobody knew Piazzolla's music in Europe and it was impossible to get the scores or any kind of material. So I went to Buenos Aires and hunted through all the music shops and old antiquity shops."
For the past dozen years, Runge has been pursuing his Piazzolla fixation with Chilean pianist Jacques Ammon, forming a duo that they call celloproject. The pair have already released albums such as Piazzolla & Cello Passion and Contrapuntango, the latter a collection of fugues by JS Bach and Piazzolla designed to illustrate the debt the Argentinian composer owes to the baroque masters.
Now, Ammon has played a prominent guest role in the Artemis Quartet's new disc, The Piazzolla Project, a set of pieces arranged for string quartet, piano trio and piano quintet.
Runge is well aware that the music of the once obscure Piazzolla can now be heard being played by the likes of Gidon Kremer, the Kronos Quartet and Julian Lloyd Webber.
Sting perceptively picked up Piazzolla's epic Tango: Zero Hour album for release on his Pangaea label in 1992, a disc described by one critic as "something like the soundtrack to an illicit love affair, full of passion and rage, tension and release". It also contained a version of the Concierto para Quinteto that currently graces the Artemis repertoire.
The Artemis squad don't quite sound like a wild tropical night fuelled by lust and mojitos, but they have approached their task with intensity and intelligence.
"There's passion and lust," says Runge. "And sex sells: you can always put that on the cover. But I think that catches only a fraction of the expression in this music. Tango expressed the hopes, desires and disappointments of immigrants in Buenos Aires.That was the spirit of tango."
The Quartet's readings combine structural insights with a sometimes violent emotional attack. For instance, in Piazzolla's Estaciones Porteñas ("Seasons in Buenos Aires"), they sweep from brutal rhythms to episodes of squealing, neurotic violin, interspersed with passages that hover pensively in space.
"There is a proximity between baroque and tango," says Runge, "because you have to know about articulation and phrasing, about ornamentation, and they both share improvisational aspects. It's very raw music, but it's tender and vulnerable at the same time."
The Artemises have been road-testing the music onstage, and their Berlin home crowd crammed into the university's music faculty hall to hear them play. They bracketed the Piazzolla material between Schubert's Quartettsatz and the A-minor Rosamunde Quartet, as if to offer reassurance that they hadn't completely abandoned the great quartet tradition, but, if anything, the audience reacted to the tango selections with particular zeal.
The basic foursome warmed up with the Suite del Angel, then were joined by pianist Ammon for the Fuga y Misterio (one of Piazzolla's most formally exact fugal exercises) and Concierto para Quinteto. The pounding abandon of Ammon's playing was like spraying the music with blazing gasoline, supercharging the ensemble.
"Classical music may have a tendency to be too polite," says Runge. "There's a cliché that a string quartet should sound polite and peaceful, but we always try to keep the rough edges in. And tango music is perfect for that because it should be about the dust of the street and the most solitary moments of life and something torn in existence."
By Adam Sweeting
The Artemis Quartet on their new album of music by Argentina's Astor Piazzolla
The Artemis Quartet are often asked why, with the whole vast string-quartet repertoire at their feet, they want to play tango music by Astor Piazzolla.
Cellist Eckart Runge, who has been chiefly responsible for triggering the combo's tango-mania, tries to explain. "At first, Piazzolla's music was very private for me," he says, in the quartet's Berlin rehearsal room. "I thought this was my dark, secret life, which was great to have next to the seriousness of quartet playing. But then my colleagues used to tease me and say, 'We want to play this music, too.' So I made an arrangement for the quartet, and I infected them right away and they loved it."
Runge had been soaking himself in Piazzolla's music for years. "I've had this passion since the mid-Eighties, when nobody knew Piazzolla's music in Europe and it was impossible to get the scores or any kind of material. So I went to Buenos Aires and hunted through all the music shops and old antiquity shops."
For the past dozen years, Runge has been pursuing his Piazzolla fixation with Chilean pianist Jacques Ammon, forming a duo that they call celloproject. The pair have already released albums such as Piazzolla & Cello Passion and Contrapuntango, the latter a collection of fugues by JS Bach and Piazzolla designed to illustrate the debt the Argentinian composer owes to the baroque masters.
Now, Ammon has played a prominent guest role in the Artemis Quartet's new disc, The Piazzolla Project, a set of pieces arranged for string quartet, piano trio and piano quintet.
Runge is well aware that the music of the once obscure Piazzolla can now be heard being played by the likes of Gidon Kremer, the Kronos Quartet and Julian Lloyd Webber.
Sting perceptively picked up Piazzolla's epic Tango: Zero Hour album for release on his Pangaea label in 1992, a disc described by one critic as "something like the soundtrack to an illicit love affair, full of passion and rage, tension and release". It also contained a version of the Concierto para Quinteto that currently graces the Artemis repertoire.
The Artemis squad don't quite sound like a wild tropical night fuelled by lust and mojitos, but they have approached their task with intensity and intelligence.
"There's passion and lust," says Runge. "And sex sells: you can always put that on the cover. But I think that catches only a fraction of the expression in this music. Tango expressed the hopes, desires and disappointments of immigrants in Buenos Aires.That was the spirit of tango."
The Quartet's readings combine structural insights with a sometimes violent emotional attack. For instance, in Piazzolla's Estaciones Porteñas ("Seasons in Buenos Aires"), they sweep from brutal rhythms to episodes of squealing, neurotic violin, interspersed with passages that hover pensively in space.
"There is a proximity between baroque and tango," says Runge, "because you have to know about articulation and phrasing, about ornamentation, and they both share improvisational aspects. It's very raw music, but it's tender and vulnerable at the same time."
The Artemises have been road-testing the music onstage, and their Berlin home crowd crammed into the university's music faculty hall to hear them play. They bracketed the Piazzolla material between Schubert's Quartettsatz and the A-minor Rosamunde Quartet, as if to offer reassurance that they hadn't completely abandoned the great quartet tradition, but, if anything, the audience reacted to the tango selections with particular zeal.
The basic foursome warmed up with the Suite del Angel, then were joined by pianist Ammon for the Fuga y Misterio (one of Piazzolla's most formally exact fugal exercises) and Concierto para Quinteto. The pounding abandon of Ammon's playing was like spraying the music with blazing gasoline, supercharging the ensemble.
"Classical music may have a tendency to be too polite," says Runge. "There's a cliché that a string quartet should sound polite and peaceful, but we always try to keep the rough edges in. And tango music is perfect for that because it should be about the dust of the street and the most solitary moments of life and something torn in existence."
By Adam Sweeting
14.05.2009 - Schwetzinger Festspiele: Das Festival widmet dem jungen Ausnahme-Musiker Jörg Widmann eine fünfteilige Hommage
Singuläre Ereignisse mit Rufen
Ein interessanter Musiker, ein intelligenter Komponist, ein sympathischer Typ und sicherlich ein inspirierender Lehrer. Das klingt schon beinahe nach Lebenswerk, dabei steht Jörg Widmann, der Klarinettist und Tonschöpfer, noch mitten in der Entwicklung. Aber was er vorlegt, und was in Schwetzingen in exzellenten Interpretationen vorgestellt wird, das sind fertige, autarke Stücke, von denen ein großer Sog ausgeht. Die mehrtägige Begegnung hinterlässt nachdrückliche Spuren.
Und im Falle des Artemis Quartetts bleibt dem Hörer eigentlich nur ungläubiges Staunen, denn solches Quartettspiel haftet als einzigartig im Gedächtnis. Natalia Prishepenko und Gregor Sigl (Violine), Friedemann Weigle (Viola), Eckart Runge (Violoncello) bringen mit ihrem bestechenden Zugriff auf Widmann und Schubert eine Leidenschaftlichkeit fürs Werk ins hochherzige Spiel, die einem den Atem zu rauben droht. Das führt etwa im weit angelegten Schubert-Quartett "Der Tod und das Mädchen" zu bestürzenden Impulsen,die aus einem fiebrigen Wechselspiel der Farben in seelische Abgründe führen. In seiner neuen Besetzung (Geige, Bratsche) hat das Ensemble noch mehr Persönlichkeit gewonnen.
Spieltechnisch ist das Zusammenwirken der vier Streicher bestens fundamentiert, nur so können die gedanklichen Freiheitsgrade, die sich das Quartett gönnt, ausgetestet werden. Hinein ins Vergnügen scheint die Devise, wenn das dritte Streichquartett von Jörg Widmann durchgepeitscht wird. Dieses "Jagdquartett" genannte Opus darf getrost als die übermütigste Komposition der Musikgeschichte genossen werden. Selbst wenn die Musiker von Jägern zu Getriebenen werden, bleibt doch ein raffinierter Zauber, der auch aus avantgardistischen Spieltechniken plus frechen "Hej"-Schreien seitens der Akteure gespeist wird. An den ersten beiden Abenden sind von Jörg Widmann noch zwei weitere aus seinem fünf Quartette fassenden Zyklus zu hören. Das vierte, eine Studie über das "Andare" in der Musik, kommt wie eine Passacaglia daher und besticht mit seinem melodiösen Atem; das zweite ("Choralquartett") fordert spirituelle Erfahrung heraus.
Und wieder Schubert: Die "unheimliche" Präsenz im g-Moll-Quartett (D173), der extrem kontrastierend aufbereitete c-Moll Quartettsatz (D703) und ernste, doch von innerer Unruhe getriebene "Rosamunde"-Quartett (D 804) zeigen ein Ensemble mit kühnem Zugriff. Das Publikum reagiert enthusiastisch.
von Eckhard Britsch
Singuläre Ereignisse mit Rufen
Ein interessanter Musiker, ein intelligenter Komponist, ein sympathischer Typ und sicherlich ein inspirierender Lehrer. Das klingt schon beinahe nach Lebenswerk, dabei steht Jörg Widmann, der Klarinettist und Tonschöpfer, noch mitten in der Entwicklung. Aber was er vorlegt, und was in Schwetzingen in exzellenten Interpretationen vorgestellt wird, das sind fertige, autarke Stücke, von denen ein großer Sog ausgeht. Die mehrtägige Begegnung hinterlässt nachdrückliche Spuren.
Und im Falle des Artemis Quartetts bleibt dem Hörer eigentlich nur ungläubiges Staunen, denn solches Quartettspiel haftet als einzigartig im Gedächtnis. Natalia Prishepenko und Gregor Sigl (Violine), Friedemann Weigle (Viola), Eckart Runge (Violoncello) bringen mit ihrem bestechenden Zugriff auf Widmann und Schubert eine Leidenschaftlichkeit fürs Werk ins hochherzige Spiel, die einem den Atem zu rauben droht. Das führt etwa im weit angelegten Schubert-Quartett "Der Tod und das Mädchen" zu bestürzenden Impulsen,die aus einem fiebrigen Wechselspiel der Farben in seelische Abgründe führen. In seiner neuen Besetzung (Geige, Bratsche) hat das Ensemble noch mehr Persönlichkeit gewonnen.
Spieltechnisch ist das Zusammenwirken der vier Streicher bestens fundamentiert, nur so können die gedanklichen Freiheitsgrade, die sich das Quartett gönnt, ausgetestet werden. Hinein ins Vergnügen scheint die Devise, wenn das dritte Streichquartett von Jörg Widmann durchgepeitscht wird. Dieses "Jagdquartett" genannte Opus darf getrost als die übermütigste Komposition der Musikgeschichte genossen werden. Selbst wenn die Musiker von Jägern zu Getriebenen werden, bleibt doch ein raffinierter Zauber, der auch aus avantgardistischen Spieltechniken plus frechen "Hej"-Schreien seitens der Akteure gespeist wird. An den ersten beiden Abenden sind von Jörg Widmann noch zwei weitere aus seinem fünf Quartette fassenden Zyklus zu hören. Das vierte, eine Studie über das "Andare" in der Musik, kommt wie eine Passacaglia daher und besticht mit seinem melodiösen Atem; das zweite ("Choralquartett") fordert spirituelle Erfahrung heraus.
Und wieder Schubert: Die "unheimliche" Präsenz im g-Moll-Quartett (D173), der extrem kontrastierend aufbereitete c-Moll Quartettsatz (D703) und ernste, doch von innerer Unruhe getriebene "Rosamunde"-Quartett (D 804) zeigen ein Ensemble mit kühnem Zugriff. Das Publikum reagiert enthusiastisch.
von Eckhard Britsch
01.04.2009 - Heiter weiter: Das Artemis-Quartett geigt zur Jagd
Wenn das Artemis-Quartett zum Abschluss seiner Schubert/Widmann-Saisonreihe im Kammermusiksaal eine Piazzolla-Milonga als Zugabe intoniert, wird es noch deutlicher: Den traurigen Gedanken, den man tanzen kann, hat schon Franz Schubert gedacht. Ein Trauerflor umweht Schuberts „Rosamunde“-Quartett, keine bedrückende Schwermut, sondern ein zartes Weh, das in innig-beseelte Heiterkeit mündet. Erstes Sonnenlicht bricht sich auf der Wellenbewegung der Moll-Arpeggien. Der Lenz ist da, aber der Winter noch nicht vergessen.
Viel Schmelz, keine Schlacken. Artemis vereint Gegensätze auf einem Niveau, das andere Quartette zurzeit kaum erreichen: Umsicht und Übermut, Leichtigkeit und Sorgfalt, federnder Schritt, verbindliches Auftreten, traumwandlerische Präzision, ergreifend verdämmernde Schlusswendungen. Deshalb schart sich um Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle (die erneut im Stehen spielen) und den Cellisten Eckart Runge auf seinem kleinen Podest längst eine Fangemeinde. Die freut sich mit den Musikern über Jörg Widmanns Streichquartette vor der Pause, über das in zittrige Chromatik wegdriftende Schnauben und Schaben der Andante-Passacaglia samt peitschenden Luftschlägen in Nr. 4 ebenso wie über die tückische Jagdmusik von Nr. 3. Einmal mehr studiert Widmann Idiome des Kammermusikalischen, das dialogische Prinzip, das Gespräch unter Freunden, das in lebhaften Streit umschlagen kann. Wenn Geiger Sigl im Eifer des Gefechts die Saite reißt und er sein Instrument verarzten geht, wenn der Cellist nach galoppierender Verfolgung von den Bögen der anderen gleichsam erstochen wird, ist Artemis so frei und lädt zur Musiktheaterkomödie. Das Quartett, ein spaßiger Gedanke, den man spielen kann.
Christiane Peitz
Wenn das Artemis-Quartett zum Abschluss seiner Schubert/Widmann-Saisonreihe im Kammermusiksaal eine Piazzolla-Milonga als Zugabe intoniert, wird es noch deutlicher: Den traurigen Gedanken, den man tanzen kann, hat schon Franz Schubert gedacht. Ein Trauerflor umweht Schuberts „Rosamunde“-Quartett, keine bedrückende Schwermut, sondern ein zartes Weh, das in innig-beseelte Heiterkeit mündet. Erstes Sonnenlicht bricht sich auf der Wellenbewegung der Moll-Arpeggien. Der Lenz ist da, aber der Winter noch nicht vergessen.
Viel Schmelz, keine Schlacken. Artemis vereint Gegensätze auf einem Niveau, das andere Quartette zurzeit kaum erreichen: Umsicht und Übermut, Leichtigkeit und Sorgfalt, federnder Schritt, verbindliches Auftreten, traumwandlerische Präzision, ergreifend verdämmernde Schlusswendungen. Deshalb schart sich um Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle (die erneut im Stehen spielen) und den Cellisten Eckart Runge auf seinem kleinen Podest längst eine Fangemeinde. Die freut sich mit den Musikern über Jörg Widmanns Streichquartette vor der Pause, über das in zittrige Chromatik wegdriftende Schnauben und Schaben der Andante-Passacaglia samt peitschenden Luftschlägen in Nr. 4 ebenso wie über die tückische Jagdmusik von Nr. 3. Einmal mehr studiert Widmann Idiome des Kammermusikalischen, das dialogische Prinzip, das Gespräch unter Freunden, das in lebhaften Streit umschlagen kann. Wenn Geiger Sigl im Eifer des Gefechts die Saite reißt und er sein Instrument verarzten geht, wenn der Cellist nach galoppierender Verfolgung von den Bögen der anderen gleichsam erstochen wird, ist Artemis so frei und lädt zur Musiktheaterkomödie. Das Quartett, ein spaßiger Gedanke, den man spielen kann.
Christiane Peitz
2008
11.12.2008 - Meisterlich
Das Artemis-Quartett mit Schubert und Widmann im Herkulessaal
Seit Joseph Haydn haben Komponisten bis heute für Streichquartett eine unglaubliche Fülle von Meisterwerken geschaffen. Dementsprechend hoch sind die Ansprüche an die Ensembles, dementsprechenden Ruhm haben sich deshalb die großen Quartettformationen erworben. Zu den absolut besten der Gegenwart zählt auch in neuer Besetzung das Berliner Artemis-Quartett. Natalia Prishepenko und seit 2007 Gregor Sigl spielen abwechselnd erste oder zweite Geige, Friedemann Weigle, Viola, ebenfalls seit 2007 dabei, und Eckart Runge spielt das Violoncello. Das auf- und anregende Münchner Konzert bestätigte ihren Rang mit zwei Schubert-Quartetten, dem frühen in g-Moll und dem ausladenden späten in G-Dur, und dem 2. Quartett von Jörg Widmann eindrucksvoll.
Wie die Emerson-Kollegen im Stehen spielend, gelang ihnen Schuberts erstes Moll-Quartett schlichtweg meisterhaft, hellwach in den bis ins Feinste ausgehörten dynamischen Kontrasten, schlackenlos präzise in der Themenvorstellung und im Figurativ-Schnellen, schließlich bewundernswert gefasst im Gesanglichen. Danach Jörg Widmanns zweites, das sogenannte "Choralquartett". Cellist Eckart Runge erläuterte Widmanns Konzept, sozusagen ein Riesenquartett in sechs Einzelwerken, das "Choralquartett" hat dabei etwa die Funktion eines langsamen Satzes. Es ist ein von Haydns "Sieben Worte des Erlösers am Kreuze" inspiriertes, dunkel verhangenes, leise tönendes, zögernd fortschreitendes, plötzlich von vielfarbigen Geräuschen attackiertes Stück, das immer wieder in atemlosen Generalpausen innehält. Das Auditorium folgte der hochkonzentrierten Darbietung mit der erhofften lautlosen Aufmerksamkeit, weil Runges einführende Worte den Gang in diese herb-strenge, aber auch jäh aufleuchtende Klangwelt klug erleichterten.
Nach der Pause spielten die Artemisianer Schuberts großes G-Dur-Quartett mit allen Wiederholungen, befremdend auch beim Dacapo des Scherzos nach dem Trio. Das wahrlich symphonische Stück nahm daher geradezu Brucknersche Ausdehnung an. Auch die vielfältigen Tremoloflächen erinnern an Bruckner. Denkwürdig gestalteten sie den Kopfsatz und das untröstliche Andante, um eine Spur zu rasch für unmissverständliche Artikulation gerieten die beiden letzten Sätze. Als Zugabe verflüchtigte sich zauberisch ein Andantefragment.
HARALD EGGEBRECHT
Das Artemis-Quartett mit Schubert und Widmann im Herkulessaal
Seit Joseph Haydn haben Komponisten bis heute für Streichquartett eine unglaubliche Fülle von Meisterwerken geschaffen. Dementsprechend hoch sind die Ansprüche an die Ensembles, dementsprechenden Ruhm haben sich deshalb die großen Quartettformationen erworben. Zu den absolut besten der Gegenwart zählt auch in neuer Besetzung das Berliner Artemis-Quartett. Natalia Prishepenko und seit 2007 Gregor Sigl spielen abwechselnd erste oder zweite Geige, Friedemann Weigle, Viola, ebenfalls seit 2007 dabei, und Eckart Runge spielt das Violoncello. Das auf- und anregende Münchner Konzert bestätigte ihren Rang mit zwei Schubert-Quartetten, dem frühen in g-Moll und dem ausladenden späten in G-Dur, und dem 2. Quartett von Jörg Widmann eindrucksvoll.
Wie die Emerson-Kollegen im Stehen spielend, gelang ihnen Schuberts erstes Moll-Quartett schlichtweg meisterhaft, hellwach in den bis ins Feinste ausgehörten dynamischen Kontrasten, schlackenlos präzise in der Themenvorstellung und im Figurativ-Schnellen, schließlich bewundernswert gefasst im Gesanglichen. Danach Jörg Widmanns zweites, das sogenannte "Choralquartett". Cellist Eckart Runge erläuterte Widmanns Konzept, sozusagen ein Riesenquartett in sechs Einzelwerken, das "Choralquartett" hat dabei etwa die Funktion eines langsamen Satzes. Es ist ein von Haydns "Sieben Worte des Erlösers am Kreuze" inspiriertes, dunkel verhangenes, leise tönendes, zögernd fortschreitendes, plötzlich von vielfarbigen Geräuschen attackiertes Stück, das immer wieder in atemlosen Generalpausen innehält. Das Auditorium folgte der hochkonzentrierten Darbietung mit der erhofften lautlosen Aufmerksamkeit, weil Runges einführende Worte den Gang in diese herb-strenge, aber auch jäh aufleuchtende Klangwelt klug erleichterten.
Nach der Pause spielten die Artemisianer Schuberts großes G-Dur-Quartett mit allen Wiederholungen, befremdend auch beim Dacapo des Scherzos nach dem Trio. Das wahrlich symphonische Stück nahm daher geradezu Brucknersche Ausdehnung an. Auch die vielfältigen Tremoloflächen erinnern an Bruckner. Denkwürdig gestalteten sie den Kopfsatz und das untröstliche Andante, um eine Spur zu rasch für unmissverständliche Artikulation gerieten die beiden letzten Sätze. Als Zugabe verflüchtigte sich zauberisch ein Andantefragment.
HARALD EGGEBRECHT
11.12.2008 - Vier Individualisten finden den Einklang
Sensationell: Das Artemis Quartett mit Schubert und Widmann im Herkulessaal
Im Scherzo des frühen g-moll-Quartetts gibt es eine Menge Wiederholungen. Die vier
lassen sich jedoch bei keiner Routine erwischen: Jedesmal tönen sie die Melodien ein
wenig anders ab. Mit einer solchen Fülle der Details mehrt das Artemis-Quartett
Schuberts musikalischen Reichtum.
Die in Berlin beheimatete Formation überrascht jedes Mal durch ihre orchestrale
Klangfülle und eine moderne, sehr individualistische Idee von Gemeinschaft: Die
Streicher verschmelzen nur so weit zu einer Einheit, dass der Klangcharakter der vier
Instrumente nicht verloren geht.
Vor Jörg Widmanns Choralquartett erklärte der Cellist mit Beispielen die Klangeffekte
und erreichte eine ungewöhnlich aufnahmebereite Konzentration des wissenden
Publikums. In Schuberts G-Dur-Quartett begeisterte dann nochmals das kontrolliert
spontane Musizieren bei diesem manisch-depressiven Wechselbad aus Lebenswillen,
schäumender Begeisterung und tiefer Melancholie. Wieder wurde das Scherzo mit
seinen volkstümlichen Wendungen zum Wunder: Vital, aber stets kontrolliert und wie
ein Zitat bei Mahler.
Es gibt im Moment viele gute Quartette. Die Berliner aber sind die besten.
Robert Braunmüller
Sensationell: Das Artemis Quartett mit Schubert und Widmann im Herkulessaal
Im Scherzo des frühen g-moll-Quartetts gibt es eine Menge Wiederholungen. Die vier
lassen sich jedoch bei keiner Routine erwischen: Jedesmal tönen sie die Melodien ein
wenig anders ab. Mit einer solchen Fülle der Details mehrt das Artemis-Quartett
Schuberts musikalischen Reichtum.
Die in Berlin beheimatete Formation überrascht jedes Mal durch ihre orchestrale
Klangfülle und eine moderne, sehr individualistische Idee von Gemeinschaft: Die
Streicher verschmelzen nur so weit zu einer Einheit, dass der Klangcharakter der vier
Instrumente nicht verloren geht.
Vor Jörg Widmanns Choralquartett erklärte der Cellist mit Beispielen die Klangeffekte
und erreichte eine ungewöhnlich aufnahmebereite Konzentration des wissenden
Publikums. In Schuberts G-Dur-Quartett begeisterte dann nochmals das kontrolliert
spontane Musizieren bei diesem manisch-depressiven Wechselbad aus Lebenswillen,
schäumender Begeisterung und tiefer Melancholie. Wieder wurde das Scherzo mit
seinen volkstümlichen Wendungen zum Wunder: Vital, aber stets kontrolliert und wie
ein Zitat bei Mahler.
Es gibt im Moment viele gute Quartette. Die Berliner aber sind die besten.
Robert Braunmüller
17.10.2008 - Die Kunst, freundlich zu sein
Manchmal hilft Reden doch. Cellist Eckart Runge erläutert die Bedeutung der Pausen in Jörg Widmanns 2. Streichquartett, lässt den Bratscher Friedemann Weigle das integrierte Holzknarzen vorführen und spricht heiter über das kontemplative Werk. Prompt herrscht bei Widmanns fragiler Haydn-Paraphrase konzentrierte Stille im Kammermusiksaal. Gezauste, extrem scheue Neue Musik – und alle spitzen die Ohren. Warum wird Zeitgenössisches dem Konzertpublikum nicht öfter auf diese Weise kommuniziert?
Musikalisch ist das Artemis Quartett ohnehin ungemein beredt, auch in der seit 2007 neuen Konstellation mit Geiger Gregor Sigl und Bratscher Weigle. Im Rahmen seiner Schubert-Widmann-Reihe waren diesmal das g-Moll-Streichquartett D 173 und „Der Tod und das Mädchen“ dran. Vielleicht liegt es am bereits bewährten Auftritt im Stehen (der Cellist hat ein kleines Podest), am geringeren Bogendruck, am feinen, natürlichen Vibrato vor allem von Geigerin Natalia Prishepenko: So federnd leicht, so verbindlich und doch ohne jede Schwermut klingt Schubert selten. „Der Tod und das Mädchen“ – eine Lebensfeier im Angesicht der Sterblichkeit: exquisite dynamische Schattierungen, weich galoppierende Synkopen, Verve ohne falsches Pathos, Herzenswärme ohne Weichspüler. Allein wie die vier im Variationssatz die Taktenden eine Nuance verzögern, um geschwind wieder anzuziehen, das beflügelt die Sinne. Mit jeder Note plädieren Artemis für mehr Freundlichkeit unter den Menschen. Beglückender Abend.
Christiane Peitz
Manchmal hilft Reden doch. Cellist Eckart Runge erläutert die Bedeutung der Pausen in Jörg Widmanns 2. Streichquartett, lässt den Bratscher Friedemann Weigle das integrierte Holzknarzen vorführen und spricht heiter über das kontemplative Werk. Prompt herrscht bei Widmanns fragiler Haydn-Paraphrase konzentrierte Stille im Kammermusiksaal. Gezauste, extrem scheue Neue Musik – und alle spitzen die Ohren. Warum wird Zeitgenössisches dem Konzertpublikum nicht öfter auf diese Weise kommuniziert?
Musikalisch ist das Artemis Quartett ohnehin ungemein beredt, auch in der seit 2007 neuen Konstellation mit Geiger Gregor Sigl und Bratscher Weigle. Im Rahmen seiner Schubert-Widmann-Reihe waren diesmal das g-Moll-Streichquartett D 173 und „Der Tod und das Mädchen“ dran. Vielleicht liegt es am bereits bewährten Auftritt im Stehen (der Cellist hat ein kleines Podest), am geringeren Bogendruck, am feinen, natürlichen Vibrato vor allem von Geigerin Natalia Prishepenko: So federnd leicht, so verbindlich und doch ohne jede Schwermut klingt Schubert selten. „Der Tod und das Mädchen“ – eine Lebensfeier im Angesicht der Sterblichkeit: exquisite dynamische Schattierungen, weich galoppierende Synkopen, Verve ohne falsches Pathos, Herzenswärme ohne Weichspüler. Allein wie die vier im Variationssatz die Taktenden eine Nuance verzögern, um geschwind wieder anzuziehen, das beflügelt die Sinne. Mit jeder Note plädieren Artemis für mehr Freundlichkeit unter den Menschen. Beglückender Abend.
Christiane Peitz
11.12.2008 - Bayern4 Klassik CD Besprechung
Beethoven Streichquartette
Wien, 1799: Ludwig van Beethoven komponiert Streichquartette, sechs Stück an der Zahl; damit möchte er seinen großen Vorbildern, Mozart und Haydn, huldigen. Traditionsbewußt ist er also, und zugleich progressiv, denn Quartett spielt man anno 1800 nur in fürstlichen Palais', für ausgewählte Kenner. Die gemeine Musik-Gesellschaft war mit solchen Klängen überfordert. Dass mußte z.B. Louis Spohr feststellen, als er mit einem der "op. 18"-Quartette Beethovens in Leipzig gastierte und schon "nach wenigen Tacten merkte, daß seine Begleiter mit dieser Musik gänzlich unbekannt und unfähig waren, in den Geist derselben einzudringen. Das Auditorium langweilte sich dabei so sehr, daß eine laute Conversation begann".
Heute gehören Beethovens Quartette "op. 18" zum Kernrepertoire für diese Formation; alle namhaften Ensembles erproben sich daran, selbstverständlich öffentlich, auf Konzertpodien und CDs. Auch die drei Quartette "op. 59", die Beethoven 1806 im Auftrag des Grafen Andreas Kyrillowitsch Razumovsky schrieb, sind längst Meilensteine. Hörbar und spürbar ist aber noch heute, dass Razumovsky ein anspruchsvoller und avantgardistischer Musik-Fachmann war.
Das "c-Moll-Quartett" aus der ersten Staffel und das "e-Moll Quartett" aus der Razumovsky-Trias sind die beiden Werke, mit denen das Artemis-Quartett auf der jüngsten CD seine Beethoven-Deutung fortschreibt. Dramatisch und eindringlich, wie es die Partituren vorgeben, setzen die vier Artemis-Musiker die beiden Moll-Werke um. Dass sie präzise und exakt artikulieren können, über eine makellose Intonation und Technik verfügen, das ist man schon so gewohnt bei diesem exzellenten Ensemble, dass solche Qualitäten fast selbstverständlich werden. Was die Einspielung allerdings so unbestechlich macht, ist die drängende Leidenschaft, die ergreifende Aufgewühltheit und die enorme Intensität, mit der musiziert wird. Schwerlich denkbar, dass hier noch Luft für "laute Conversation" bliebe.
Von Annika Täuschel
Beethoven Streichquartette
Wien, 1799: Ludwig van Beethoven komponiert Streichquartette, sechs Stück an der Zahl; damit möchte er seinen großen Vorbildern, Mozart und Haydn, huldigen. Traditionsbewußt ist er also, und zugleich progressiv, denn Quartett spielt man anno 1800 nur in fürstlichen Palais', für ausgewählte Kenner. Die gemeine Musik-Gesellschaft war mit solchen Klängen überfordert. Dass mußte z.B. Louis Spohr feststellen, als er mit einem der "op. 18"-Quartette Beethovens in Leipzig gastierte und schon "nach wenigen Tacten merkte, daß seine Begleiter mit dieser Musik gänzlich unbekannt und unfähig waren, in den Geist derselben einzudringen. Das Auditorium langweilte sich dabei so sehr, daß eine laute Conversation begann".
Heute gehören Beethovens Quartette "op. 18" zum Kernrepertoire für diese Formation; alle namhaften Ensembles erproben sich daran, selbstverständlich öffentlich, auf Konzertpodien und CDs. Auch die drei Quartette "op. 59", die Beethoven 1806 im Auftrag des Grafen Andreas Kyrillowitsch Razumovsky schrieb, sind längst Meilensteine. Hörbar und spürbar ist aber noch heute, dass Razumovsky ein anspruchsvoller und avantgardistischer Musik-Fachmann war.
Das "c-Moll-Quartett" aus der ersten Staffel und das "e-Moll Quartett" aus der Razumovsky-Trias sind die beiden Werke, mit denen das Artemis-Quartett auf der jüngsten CD seine Beethoven-Deutung fortschreibt. Dramatisch und eindringlich, wie es die Partituren vorgeben, setzen die vier Artemis-Musiker die beiden Moll-Werke um. Dass sie präzise und exakt artikulieren können, über eine makellose Intonation und Technik verfügen, das ist man schon so gewohnt bei diesem exzellenten Ensemble, dass solche Qualitäten fast selbstverständlich werden. Was die Einspielung allerdings so unbestechlich macht, ist die drängende Leidenschaft, die ergreifende Aufgewühltheit und die enorme Intensität, mit der musiziert wird. Schwerlich denkbar, dass hier noch Luft für "laute Conversation" bliebe.
Von Annika Täuschel
11.12.2008 - Artemis im Schubert-Himmel
Die Musik spricht mit Dir
Man kann diese Schubert-CD des neu formierten Artemis Quartetts gar nicht hoch genug loben. Wie es den Musikern gemeinsam mit Truls Mørk am Cello gelingt, das fulminante C-Dur Quintett fernab jeglichen falschen Pathos' und unsentimental auf seine aufreibende, existenzielle Grundsubstanz zu bringen und dabei nichts an klanglicher Schönheit einzubüßen, ist beispiellos.
Mit flexibler Artikulation entfaltet sich ein schlanker, intensiv resonierender Ton, der im Mittelteil des Adagios mit seltener Konsequenz aufwühlt, das Scherzo mit hoher Spannung auflädt und die enorme Dichte des Finalsatzes zu großer, tänzerisch anmutender Transparenz führt. Das spielerische Verständnis der Musiker untereinander erzeugt eine imposante Geschlossenheit der Interpretation. Dies ist keine Selbstbefriedigung vergeistigter Interpreten, sondern der unmittelbare Dialog mit dem Hörer.
Uwe Schneider
Die Musik spricht mit Dir
Man kann diese Schubert-CD des neu formierten Artemis Quartetts gar nicht hoch genug loben. Wie es den Musikern gemeinsam mit Truls Mørk am Cello gelingt, das fulminante C-Dur Quintett fernab jeglichen falschen Pathos' und unsentimental auf seine aufreibende, existenzielle Grundsubstanz zu bringen und dabei nichts an klanglicher Schönheit einzubüßen, ist beispiellos.
Mit flexibler Artikulation entfaltet sich ein schlanker, intensiv resonierender Ton, der im Mittelteil des Adagios mit seltener Konsequenz aufwühlt, das Scherzo mit hoher Spannung auflädt und die enorme Dichte des Finalsatzes zu großer, tänzerisch anmutender Transparenz führt. Das spielerische Verständnis der Musiker untereinander erzeugt eine imposante Geschlossenheit der Interpretation. Dies ist keine Selbstbefriedigung vergeistigter Interpreten, sondern der unmittelbare Dialog mit dem Hörer.
Uwe Schneider
11.06.2008 - Leidenschaftliche Vernunft und virtuose Schönheit
Das grandiose Artemis-Quartett brillierte im Berner Konservatorium
Das Programm des letzten Kammermusikmontags spannte einen Bogen von Beethovens früher Quartettkunst über die Romantik Tschaikowskys bis hin zu einem polystilistischen Werk des russischen Komponisten Nikolai Kapustin.
Johann Wolfgang von Goethe definierte die Gattung des Streichquartetts einmal als ein Gespräch zwischen vier vernünftigen Personen. Das letzte Konzert der Kammermusiksaison ging darüber allerdings weit hinaus, denn eine nicht nur virtuosere, sondern auch packendere Darbietung hätte man
sich nicht wünschen können. Bereits die ersten Takte aus Ludwig van Beethovens zwischen 1798 und 1800 entstandenem Streichquartett c-Moll op. 18 Nr. 4, mit denen das Artemis-Quartett den Abend eröffnete, waren von beeindruckender klanglicher Schönheit. Mit Beethovens Werk zeigte das Quartett sämtliche Facetten seines technischen Könnens und seiner musikalischen Sensibilität: Ob heftig auftrumpfendes Fortissimo oder leiseste
Staccati, fugisch verschlungene Themenentwicklungen oder furiose, homofone Läufe - die Frische und atemberaubende Präzision, mit der die vier variantenreichen Sätze interpretiert wurden, liessen sich durch keine noch so plötzlichen Wechsel in Tempo, Rhythmus oder Klangfarbe beirren.
Klage und Witz
Insbesondere die Ausdruckskraft des Geigers Gregor Sigl beeindruckte, der den gesamten Ambitus seines Instruments voll auskostete und ihm berührende Töne entlockte, die sich mit Leichtigkeit über das musikalische Gefüge aufschwangen. Spannend war en auch die Motive, die Sigl und die Violinistin Natalia Prishepenko einander zuspielten, sekundiert von der weich singenden Klage der Bratsche Friedemann Weigles und Eckart Runges einmal dezent, einmal fordernd gespieltem Cellopart.
All diesen Qualitäten gesellten sich im Verlauf des Konzerts weitere hinzu. So vereinigte Kapustins Streichquartett op. 88 aus dem Jahr 1998 jazzige Harmonik und Melodieführung sowie entsprechende Bassfiguren mit traditionellen Formkonzepten, vertrackten Rhythmen und mitreissenden, dissonanten Tutti-Attacken. Das Quartett nahm diese komplexe und vielschichtige Komposition mit Witz und Spielfreude in Angriff, wobei sowohl Runges Walking Bass als auch die an Swing und Bebop erinnernden Phrasierungen von Prishepenko, Sigl und Weigle die Zuhörer verblüfften.
Orchestrale Klangdichte
In Peter Tschaikowskys Streichquartett Nr. 2 F-Dur op. 22 von 1874 schliesslich, das spannungsreich zwischen romantischer Elegie und chromatischer Verfremdung, Emotionalität und kompositionstechnischer Raffinesse changiert, intonierte Runge weit ausholende Melodiebögen von bezaubernder klanglicher Wärme, während Prishepenko mit kraftvoll pointierten Einlagen brillierte. Auf den expressiven Kopfsatz folgten ein Walzer, der sich mittels kapriziöser Taktwechsel standhaft weigerte, ein solcher zu sein, und ein ausgedehntes, gefühlvolles Andante, worauf eine gewaltige Steigerung über die letzte Fuge des Finales das Ensemble noch einmal zu einer überwältigenden orchestralen Klangdichte zusammenfinden liess.
Und mag es auch gar sentimental tönen: Als die gedämpften Geigentöne des Andante cantabile aus Tschaikowskys erstem Streichquartett während der Zugabe den Saal erfüllten, konnte man sich zurücklehnen und glücklich die Augen schliessen in der freudigen Hoffnung, dass auch die Saison 2008/09 solche hinreissenden Kammermusikabende bereit halten wird.
von Stefan Bucher
Das grandiose Artemis-Quartett brillierte im Berner Konservatorium
Das Programm des letzten Kammermusikmontags spannte einen Bogen von Beethovens früher Quartettkunst über die Romantik Tschaikowskys bis hin zu einem polystilistischen Werk des russischen Komponisten Nikolai Kapustin.
Johann Wolfgang von Goethe definierte die Gattung des Streichquartetts einmal als ein Gespräch zwischen vier vernünftigen Personen. Das letzte Konzert der Kammermusiksaison ging darüber allerdings weit hinaus, denn eine nicht nur virtuosere, sondern auch packendere Darbietung hätte man
sich nicht wünschen können. Bereits die ersten Takte aus Ludwig van Beethovens zwischen 1798 und 1800 entstandenem Streichquartett c-Moll op. 18 Nr. 4, mit denen das Artemis-Quartett den Abend eröffnete, waren von beeindruckender klanglicher Schönheit. Mit Beethovens Werk zeigte das Quartett sämtliche Facetten seines technischen Könnens und seiner musikalischen Sensibilität: Ob heftig auftrumpfendes Fortissimo oder leiseste
Staccati, fugisch verschlungene Themenentwicklungen oder furiose, homofone Läufe - die Frische und atemberaubende Präzision, mit der die vier variantenreichen Sätze interpretiert wurden, liessen sich durch keine noch so plötzlichen Wechsel in Tempo, Rhythmus oder Klangfarbe beirren.
Klage und Witz
Insbesondere die Ausdruckskraft des Geigers Gregor Sigl beeindruckte, der den gesamten Ambitus seines Instruments voll auskostete und ihm berührende Töne entlockte, die sich mit Leichtigkeit über das musikalische Gefüge aufschwangen. Spannend war en auch die Motive, die Sigl und die Violinistin Natalia Prishepenko einander zuspielten, sekundiert von der weich singenden Klage der Bratsche Friedemann Weigles und Eckart Runges einmal dezent, einmal fordernd gespieltem Cellopart.
All diesen Qualitäten gesellten sich im Verlauf des Konzerts weitere hinzu. So vereinigte Kapustins Streichquartett op. 88 aus dem Jahr 1998 jazzige Harmonik und Melodieführung sowie entsprechende Bassfiguren mit traditionellen Formkonzepten, vertrackten Rhythmen und mitreissenden, dissonanten Tutti-Attacken. Das Quartett nahm diese komplexe und vielschichtige Komposition mit Witz und Spielfreude in Angriff, wobei sowohl Runges Walking Bass als auch die an Swing und Bebop erinnernden Phrasierungen von Prishepenko, Sigl und Weigle die Zuhörer verblüfften.
Orchestrale Klangdichte
In Peter Tschaikowskys Streichquartett Nr. 2 F-Dur op. 22 von 1874 schliesslich, das spannungsreich zwischen romantischer Elegie und chromatischer Verfremdung, Emotionalität und kompositionstechnischer Raffinesse changiert, intonierte Runge weit ausholende Melodiebögen von bezaubernder klanglicher Wärme, während Prishepenko mit kraftvoll pointierten Einlagen brillierte. Auf den expressiven Kopfsatz folgten ein Walzer, der sich mittels kapriziöser Taktwechsel standhaft weigerte, ein solcher zu sein, und ein ausgedehntes, gefühlvolles Andante, worauf eine gewaltige Steigerung über die letzte Fuge des Finales das Ensemble noch einmal zu einer überwältigenden orchestralen Klangdichte zusammenfinden liess.
Und mag es auch gar sentimental tönen: Als die gedämpften Geigentöne des Andante cantabile aus Tschaikowskys erstem Streichquartett während der Zugabe den Saal erfüllten, konnte man sich zurücklehnen und glücklich die Augen schliessen in der freudigen Hoffnung, dass auch die Saison 2008/09 solche hinreissenden Kammermusikabende bereit halten wird.
von Stefan Bucher
01.06.2008 - Musik als Motor
...Zusammen mit dem Artemis-Quartett hat sich Truls Mørk im vergangenen Jahr einen Traum erfüllt: die Aufnahme des C-Dur-Streichquintetts von Franz Schubert, eine der Perlen der Kammermusikliteratur, wie der Cellist betont: "Das Quintett gehört zu jener Art zeitloser Musik, die eine schwer zu fassende spirituelle Seite hat. Es ist so reich und so tief, wie auch andere Musik von Schubert."
Dabei hat sich die Zusammenarbeit mit dem Artemis-Quartett als besonders inspirierend erwiesen. Mørk fühlte sich glücklich am Pult des zweiten Cellisten. Die Aufnahmen fanden im August vergangenen Jahres in der abgeschiedenen Ruhe der Berliner Teldec-Studios statt. Kurz zuvor hatte die Besetzung des Artemis-Quartetts gewechselt, als neuer zweiter Geiger war Gregor Sigl gekommen, am Bratschenpult saß jetzt Friedemann Weigle. Doch man fand schnell zusammen, und Diskussionen über gestalterische Fragen führten zu einvernehmlichen Lösungen.
"Es ist eine große Freude, Teil eines perfekt aufeinander abgestimmten Ensembles zu sein", gesteht Mørk. "Für mich ist das immer eine Herausforderung, auch weil ich nicht so häufig Kammermusik spiele. Als Solist mit Orchester zu konzertieren ist etwas ganz anderes. Sich einzugliedern in eine Gruppe oder sich mit viel Kraft und großem Ton gegen ein Orchester zu behaupten, das sind verschiedene Welten."
Auch das Artemis- Quartett ist glücklich, mit Truls Mørk einen idealen Partner gefunden zu haben: "Es war von Anfang an eine besondere künstlerische Verbindung, zwischen uns hat es sofort "gefunkt", erklärt der Cellist des Ensembles, Eckart Runge. Und so ist eine homogene und atmosphärische Aufnahme entstanden, die zwischen drängender Vitalität und ätherischer Klanglichkeit changiert und zu den bedeutenden Interpretationen des Werkes gezählt werden muss.
N. Hornig
...Zusammen mit dem Artemis-Quartett hat sich Truls Mørk im vergangenen Jahr einen Traum erfüllt: die Aufnahme des C-Dur-Streichquintetts von Franz Schubert, eine der Perlen der Kammermusikliteratur, wie der Cellist betont: "Das Quintett gehört zu jener Art zeitloser Musik, die eine schwer zu fassende spirituelle Seite hat. Es ist so reich und so tief, wie auch andere Musik von Schubert."
Dabei hat sich die Zusammenarbeit mit dem Artemis-Quartett als besonders inspirierend erwiesen. Mørk fühlte sich glücklich am Pult des zweiten Cellisten. Die Aufnahmen fanden im August vergangenen Jahres in der abgeschiedenen Ruhe der Berliner Teldec-Studios statt. Kurz zuvor hatte die Besetzung des Artemis-Quartetts gewechselt, als neuer zweiter Geiger war Gregor Sigl gekommen, am Bratschenpult saß jetzt Friedemann Weigle. Doch man fand schnell zusammen, und Diskussionen über gestalterische Fragen führten zu einvernehmlichen Lösungen.
"Es ist eine große Freude, Teil eines perfekt aufeinander abgestimmten Ensembles zu sein", gesteht Mørk. "Für mich ist das immer eine Herausforderung, auch weil ich nicht so häufig Kammermusik spiele. Als Solist mit Orchester zu konzertieren ist etwas ganz anderes. Sich einzugliedern in eine Gruppe oder sich mit viel Kraft und großem Ton gegen ein Orchester zu behaupten, das sind verschiedene Welten."
Auch das Artemis- Quartett ist glücklich, mit Truls Mørk einen idealen Partner gefunden zu haben: "Es war von Anfang an eine besondere künstlerische Verbindung, zwischen uns hat es sofort "gefunkt", erklärt der Cellist des Ensembles, Eckart Runge. Und so ist eine homogene und atmosphärische Aufnahme entstanden, die zwischen drängender Vitalität und ätherischer Klanglichkeit changiert und zu den bedeutenden Interpretationen des Werkes gezählt werden muss.
N. Hornig
19.04.2008 - A Change in Ingredients Doesn't Always Alter the Taste
It is the rare string quartet that does not eventually undergo a change in personnel. But the acclaimed Artemis Quartet, which started performing professionally in 1994, lost two players last year, each unexpectedly.
This Berlin quartet is thriving again, as it made excitingly clear in its performance at the New York Society for Ethical Culture on Wednesday night, which was presented by the Chamber Music Society of Lincoln Center. Still, last year the quartet was in crisis.
First the violist Volker Jacobsen left because of family obligations. After extensive auditions to find a replacement, the search came down to two strong finalists. Then another of the original players, the violinist Heime Müller quit because of a disorder in his left hand, diagnosed as focal dystonia.
Suddenly the Artemis Quartet was down to two players: the violinist Natalia Prischepenko and the cellist Eckart Runge. It turned out, though, that one of the finalists for the viola position, Gregor Sigl, was also an exceptional violinist. So with the other finalist, Friedemann Weigle, as the violist, and Mr. Sigl playing violin, the Artemis Quartet was back.
And is it ever. A quartet cannot change two players without undergoing some shift in character. But I was struck on Wednesday by the similarities between the Artemis's old and new selves.
The Artemis has always played with vigor, brilliance and sensitivity. More than that, its performances have had clarity of conception and unfussy directness. All these qualities were abundant on this occasion.
Beethoven's Quartet in C minor (Op. 18, No. 4) came across in this incisive and fullbodied performance as the audacious work of a supremely confident young man, especially in a moody menuetto, thick with slinky chromatic lines and wayward harmonies. The finale is a breathless rondo with Turkish flair, Turkish music having been the rage in Vienna at the time.
The concert ended with Tchaikovsky's Quartet No. 2 in F. A popular conception of Tchaikovsky casts him as an overtly Romantic composer, but the Artemis's dynamic performance of this teeming piece made a case for Tchaikovsky as a master of elusiveness. The account of the Scherzo, for example, kept you off guard with its shifting duple and triple meters, and chords that shun being pinned down by tonality.
The discovery on the program was a quartet from 1989 by Nikolai Kapustin, a Russian composer born in 1937 and largely unknown in the West. In a charming spoken introduction Mr. Runge told the audience how he had chanced upon a recording of Mr. Kapustin's rhapsodic piano works. This self-effacing composer proved so hard to track down that Mr. Runge thought "he must be a phantom," he said. At the time Mr. Kapustin was making his living by playing piano in a big-band jazz orchestra.
Though Mr. Kapustin resists the label "jazz composer," his music is drenched in jazz. The idiom is transformed, and the rhythms are fractured, and whole stretches of music are entwined with knotty, wayward counterpoint.
Giving audiences engaging spoken introductions to new works was another hallmark of the original Artemis Quartet. The tradition continues.
By ANTHONY TOMMASINI
It is the rare string quartet that does not eventually undergo a change in personnel. But the acclaimed Artemis Quartet, which started performing professionally in 1994, lost two players last year, each unexpectedly.
This Berlin quartet is thriving again, as it made excitingly clear in its performance at the New York Society for Ethical Culture on Wednesday night, which was presented by the Chamber Music Society of Lincoln Center. Still, last year the quartet was in crisis.
First the violist Volker Jacobsen left because of family obligations. After extensive auditions to find a replacement, the search came down to two strong finalists. Then another of the original players, the violinist Heime Müller quit because of a disorder in his left hand, diagnosed as focal dystonia.
Suddenly the Artemis Quartet was down to two players: the violinist Natalia Prischepenko and the cellist Eckart Runge. It turned out, though, that one of the finalists for the viola position, Gregor Sigl, was also an exceptional violinist. So with the other finalist, Friedemann Weigle, as the violist, and Mr. Sigl playing violin, the Artemis Quartet was back.
And is it ever. A quartet cannot change two players without undergoing some shift in character. But I was struck on Wednesday by the similarities between the Artemis's old and new selves.
The Artemis has always played with vigor, brilliance and sensitivity. More than that, its performances have had clarity of conception and unfussy directness. All these qualities were abundant on this occasion.
Beethoven's Quartet in C minor (Op. 18, No. 4) came across in this incisive and fullbodied performance as the audacious work of a supremely confident young man, especially in a moody menuetto, thick with slinky chromatic lines and wayward harmonies. The finale is a breathless rondo with Turkish flair, Turkish music having been the rage in Vienna at the time.
The concert ended with Tchaikovsky's Quartet No. 2 in F. A popular conception of Tchaikovsky casts him as an overtly Romantic composer, but the Artemis's dynamic performance of this teeming piece made a case for Tchaikovsky as a master of elusiveness. The account of the Scherzo, for example, kept you off guard with its shifting duple and triple meters, and chords that shun being pinned down by tonality.
The discovery on the program was a quartet from 1989 by Nikolai Kapustin, a Russian composer born in 1937 and largely unknown in the West. In a charming spoken introduction Mr. Runge told the audience how he had chanced upon a recording of Mr. Kapustin's rhapsodic piano works. This self-effacing composer proved so hard to track down that Mr. Runge thought "he must be a phantom," he said. At the time Mr. Kapustin was making his living by playing piano in a big-band jazz orchestra.
Though Mr. Kapustin resists the label "jazz composer," his music is drenched in jazz. The idiom is transformed, and the rhythms are fractured, and whole stretches of music are entwined with knotty, wayward counterpoint.
Giving audiences engaging spoken introductions to new works was another hallmark of the original Artemis Quartet. The tradition continues.
By ANTHONY TOMMASINI
26.04.2008 - Bayern4 Klassik CD Besprechung
Schuberts C-Dur-Quintett - Göttlicher Funke
Begonnen hat alles an der Lübecker Musikhochschule: Als studentische Formation
begann das Artemis Quartett 1989, schon wenige Jahre später spielten die vier Musiker
professionell. Es folgten sofort hochrangige Auszeichnungen, u.a. beim ARD-Wettbewerb
München; seitdem arbeitet das Ensemble langsam, intensiv und äußerst erfolgreich an
seiner internationalen Karriere. 2007 kam ein herber Einschnitt: zwei der vier Musiker
mussten die Arbeit aufgeben, die verbliebenen mussten zwei neue - den Geiger Gregor
Sigl und den Bratschisten Friedemann Weigle - integrieren. Dass der Übergang
künstlerisch nahtlos gelang, gleicht einem Wunder. Im August 2007 entstand eine
Einspielung von Schuberts "Streichquintett D 956" mit dem norwegischen Cellisten Truls
Mork.
Pefektes Mysterium
"Es ist rätselhaft, und es ist vollendet" - sagte einst der Musikkritiker Joachim Kaiser über
Franz Schuberts "Streichquintett C-Dur". Und traf damit den Nagel auf den Kopf. Denn so
unergründbar, so geheimnisvoll, so wenig fassbar die musikalische Substanz dieses
Werkes scheint, so klar drängt sich dem Hörenden die beglückende, fast paradiesische
Erkenntnis auf: hier ist etwas vollkommen. Oder wie Beethoven anerkannte: "Wahrlich,
in dem Schubert wohnt ein göttlicher Funke!"
Schuberts "C-Dur-Streichquintett" entstand im September 1828 wenige Monate vor
seinem Tod. In seiner Ahnung von Transzendenz wurde es nicht nur zum imposanten
Schwanengesang des umfangreichen Schubertschen Œuvres, sondern zu einem Gipfel
dessen, was kammermusikalisch denkbar ist. Man kann kompositionstechnische Finessen
benennen, auf die klanglich wundervolle Möglichkeiten eröffnende Besetzung mit zwei
Celli verweisen, harmonische Verläufe und deren Effekt analysieren - ergründen wird
man das Mysterium dieses Werkes nicht.
Magie statt Schönklang
Ergründen lässt sich hingegen, wie faszinierend das Artemis Quartett und der Cellist Truls
Mork Schuberts Quintett begegnen: natürlich - möchte man bei diesen prominenten
Namen sagen - mit höchster Spielkultur, mit brillanter Technik, mit makelloser
Intonation. Das allein aber würde nur zu Schönklang führen. Was die Aufnahme zum
Glücksfall macht, ist die demütige Haltung der fünf Musiker, und das unausgesprochenes
Wissen, dass nur, wer hier auf Selbstinszenierung, gekünstelte Oberfläche und Effekt
verzichtet, die Magie des Stücks entfalten kann.
"Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich Schmerz nur singen,
so ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz." Wenn Truls Mork
und das Artemis Quartett musizieren, entsteht eine Idee davon, was Franz Schubert
damit gemeint haben könnte.
Von Annika Täuschel
Schuberts C-Dur-Quintett - Göttlicher Funke
Begonnen hat alles an der Lübecker Musikhochschule: Als studentische Formation
begann das Artemis Quartett 1989, schon wenige Jahre später spielten die vier Musiker
professionell. Es folgten sofort hochrangige Auszeichnungen, u.a. beim ARD-Wettbewerb
München; seitdem arbeitet das Ensemble langsam, intensiv und äußerst erfolgreich an
seiner internationalen Karriere. 2007 kam ein herber Einschnitt: zwei der vier Musiker
mussten die Arbeit aufgeben, die verbliebenen mussten zwei neue - den Geiger Gregor
Sigl und den Bratschisten Friedemann Weigle - integrieren. Dass der Übergang
künstlerisch nahtlos gelang, gleicht einem Wunder. Im August 2007 entstand eine
Einspielung von Schuberts "Streichquintett D 956" mit dem norwegischen Cellisten Truls
Mork.
Pefektes Mysterium
"Es ist rätselhaft, und es ist vollendet" - sagte einst der Musikkritiker Joachim Kaiser über
Franz Schuberts "Streichquintett C-Dur". Und traf damit den Nagel auf den Kopf. Denn so
unergründbar, so geheimnisvoll, so wenig fassbar die musikalische Substanz dieses
Werkes scheint, so klar drängt sich dem Hörenden die beglückende, fast paradiesische
Erkenntnis auf: hier ist etwas vollkommen. Oder wie Beethoven anerkannte: "Wahrlich,
in dem Schubert wohnt ein göttlicher Funke!"
Schuberts "C-Dur-Streichquintett" entstand im September 1828 wenige Monate vor
seinem Tod. In seiner Ahnung von Transzendenz wurde es nicht nur zum imposanten
Schwanengesang des umfangreichen Schubertschen Œuvres, sondern zu einem Gipfel
dessen, was kammermusikalisch denkbar ist. Man kann kompositionstechnische Finessen
benennen, auf die klanglich wundervolle Möglichkeiten eröffnende Besetzung mit zwei
Celli verweisen, harmonische Verläufe und deren Effekt analysieren - ergründen wird
man das Mysterium dieses Werkes nicht.
Magie statt Schönklang
Ergründen lässt sich hingegen, wie faszinierend das Artemis Quartett und der Cellist Truls
Mork Schuberts Quintett begegnen: natürlich - möchte man bei diesen prominenten
Namen sagen - mit höchster Spielkultur, mit brillanter Technik, mit makelloser
Intonation. Das allein aber würde nur zu Schönklang führen. Was die Aufnahme zum
Glücksfall macht, ist die demütige Haltung der fünf Musiker, und das unausgesprochenes
Wissen, dass nur, wer hier auf Selbstinszenierung, gekünstelte Oberfläche und Effekt
verzichtet, die Magie des Stücks entfalten kann.
"Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich Schmerz nur singen,
so ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz." Wenn Truls Mork
und das Artemis Quartett musizieren, entsteht eine Idee davon, was Franz Schubert
damit gemeint haben könnte.
Von Annika Täuschel
13.02.2008 - Artemis Quartett musiziert im Stehen
Zwei Beethoven- Streichquartette, op. 18 Nr.3 und op. 59 Nr. 2, umrahmten Schostakowitschs 9. Streichquartett von 1964. Klug durchdacht war diese Zusammenstellung. Es zeigte sich, wie sehr Schostakowitsch sich von Beethovens mittlerem Quartett op. 59 hat inspirieren lassen - in der Flächigkeit des Formaufbaus, in der bemerkenswerten Schnitt-Technik, in der Verarbeitung des musikalischen Materials. Natalia Prishepenko, die erste Geigerin, führte das Artemis Quartett mit flexibler, gestenreicher Emphase. Ihr Ton glich der Stimme einer idealen Opernsängerin. Gregor Sigl, erst seit dem letztem Jahr Teil des Artemis Quartetts, beeindruckte dagegen durch die spektakulär mühelose Art seines Musizierens. Sigls stets auf Klarheit bedachter Geigenklang erinnerte an die Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis. Er und auch Neuzugang Friedemann Weigle (Viola) haben sich innerhalb kürzester Zeit vorzüglich ins Artemis Quartett eingelebt und -gespielt. Sigl war zuvor Gastkonzertmeister im City of Birmingham Symphony Orchestra; Weigle Gründungsmitglied und Bratscher im Petersen Quartett. Der Idealismus, den man bei der ursprünglichen Besetzung spürte, der unbedingte Wille, die musikalische Wahrheit zu ergründen, ohne dabei vor radikalen Neuinterpretationen zurückzuschrecken - er ist noch immer da.
Nach einem etwas hastigen, verhuschten Auftakt mit Beethovens Quartett op. 18 Nr. 3 liefen die Musiker bei Schostakowitsch zu höchster Form auf. Wie sie ihre gemeinsamen Kräfte bündelten und eine Geschichte voller überraschender Wendungen und Brüche zum Besten gaben, war schlichtweg phänomenal. Große Begeisterung im Publikum auch nach dem furios gesteigerten zweiten Beethoven. Das Artemis Quartett bedankte sich mit einem Ausschnitt aus Schostakowitschs Oper "Lady MacBeth".
Felix Stephan
Zwei Beethoven- Streichquartette, op. 18 Nr.3 und op. 59 Nr. 2, umrahmten Schostakowitschs 9. Streichquartett von 1964. Klug durchdacht war diese Zusammenstellung. Es zeigte sich, wie sehr Schostakowitsch sich von Beethovens mittlerem Quartett op. 59 hat inspirieren lassen - in der Flächigkeit des Formaufbaus, in der bemerkenswerten Schnitt-Technik, in der Verarbeitung des musikalischen Materials. Natalia Prishepenko, die erste Geigerin, führte das Artemis Quartett mit flexibler, gestenreicher Emphase. Ihr Ton glich der Stimme einer idealen Opernsängerin. Gregor Sigl, erst seit dem letztem Jahr Teil des Artemis Quartetts, beeindruckte dagegen durch die spektakulär mühelose Art seines Musizierens. Sigls stets auf Klarheit bedachter Geigenklang erinnerte an die Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis. Er und auch Neuzugang Friedemann Weigle (Viola) haben sich innerhalb kürzester Zeit vorzüglich ins Artemis Quartett eingelebt und -gespielt. Sigl war zuvor Gastkonzertmeister im City of Birmingham Symphony Orchestra; Weigle Gründungsmitglied und Bratscher im Petersen Quartett. Der Idealismus, den man bei der ursprünglichen Besetzung spürte, der unbedingte Wille, die musikalische Wahrheit zu ergründen, ohne dabei vor radikalen Neuinterpretationen zurückzuschrecken - er ist noch immer da.
Nach einem etwas hastigen, verhuschten Auftakt mit Beethovens Quartett op. 18 Nr. 3 liefen die Musiker bei Schostakowitsch zu höchster Form auf. Wie sie ihre gemeinsamen Kräfte bündelten und eine Geschichte voller überraschender Wendungen und Brüche zum Besten gaben, war schlichtweg phänomenal. Große Begeisterung im Publikum auch nach dem furios gesteigerten zweiten Beethoven. Das Artemis Quartett bedankte sich mit einem Ausschnitt aus Schostakowitschs Oper "Lady MacBeth".
Felix Stephan
13.02.2008 - Wir hatten uns geahnt
Das Artemis-Quartett meidet an diesem Abend im Kammermusiksaal alle vordergründige Expressivität. Der Ton der ersten Geige ist zart und zerbrechlich, und er setzt sich in seiner Körperlosigkeit in den Unterstimmen fort. Es ist zunächst, am Beginn von Beethovens Quartett op. 18 Nr. 3, ein Klang ohne Eigenschaften, die Einzelstimmen klingen, als hätten sie sich noch nicht gefunden. Das Risiko, mit diesem fragilen Klangbild in die dichte Beethoven-Textur einzusteigen, ist hoch. Doch Primgeigerin Natalia Prishepenko gibt dem Ganzen bald entschieden eine Richtung.
Im Sommer 2007 haben sie und der Cellist Eckart Runge den zweiten Geiger Gregor Sigl und den Bratscher Friedemann Weigle neu in die Formation aufgenommen. Faszinierend, wie die Musiker sich im Laufe des Konzerts zwar nicht mit uniformem Klang, wohl aber mit radikal logisch abgestimmter Spielweise präsentieren. Noch in den hektisch um sich beißenden und den leichenstarren Klanggestalten von Schostakowitschs 9. Streichquartett treiben sie den musikalischen Ausdruck unbeirrt durchs Nadelöhr der korrekten technischen Umsetzung, und das tut ihm gut. Eigentlich, so wird es hier und im Rasumowsky-Quartett op. 59 Nr. 2 von Beethoven deutlich, haben sie sich hier nicht wiedergefunden, sondern nie verloren. Ein Selbstbeweis des Zusammenhalts für die neue Formation, ein Abenteuer für die Zuhörer, ein großer Abend.
MATTHIAS NÖTHER
Das Artemis-Quartett meidet an diesem Abend im Kammermusiksaal alle vordergründige Expressivität. Der Ton der ersten Geige ist zart und zerbrechlich, und er setzt sich in seiner Körperlosigkeit in den Unterstimmen fort. Es ist zunächst, am Beginn von Beethovens Quartett op. 18 Nr. 3, ein Klang ohne Eigenschaften, die Einzelstimmen klingen, als hätten sie sich noch nicht gefunden. Das Risiko, mit diesem fragilen Klangbild in die dichte Beethoven-Textur einzusteigen, ist hoch. Doch Primgeigerin Natalia Prishepenko gibt dem Ganzen bald entschieden eine Richtung.
Im Sommer 2007 haben sie und der Cellist Eckart Runge den zweiten Geiger Gregor Sigl und den Bratscher Friedemann Weigle neu in die Formation aufgenommen. Faszinierend, wie die Musiker sich im Laufe des Konzerts zwar nicht mit uniformem Klang, wohl aber mit radikal logisch abgestimmter Spielweise präsentieren. Noch in den hektisch um sich beißenden und den leichenstarren Klanggestalten von Schostakowitschs 9. Streichquartett treiben sie den musikalischen Ausdruck unbeirrt durchs Nadelöhr der korrekten technischen Umsetzung, und das tut ihm gut. Eigentlich, so wird es hier und im Rasumowsky-Quartett op. 59 Nr. 2 von Beethoven deutlich, haben sie sich hier nicht wiedergefunden, sondern nie verloren. Ein Selbstbeweis des Zusammenhalts für die neue Formation, ein Abenteuer für die Zuhörer, ein großer Abend.
MATTHIAS NÖTHER
13.02.2008 - Konzentration der Leidenschaft
Das Artemis-Quartett ist wieder vollständig und auch ganz da
Ein Streichquartett ist - wie jedes Kammermusikensemble - ein empfindlicher Organismus. Wenn ein Mitglied ersetzt werden muss, kann das zu bedrohlichen Störungen der inneren Homöostase führen, zu Abwehrreaktionen des musikalischen Immunsystems und zu weiß Gott was für Komplikationen.
Dem Artemis-Quartett, vielleicht dem bedeutendsten, sicherlich dem maßstabsetzenden jungen Streichquartett unserer Tage, sind im Vorjahr gleich zwei Musiker abhanden gekommen: der Geiger Heime Müller (aus gesundheitlichen Gründen) und der Bratschist Volker Jacobsen (aus privaten Gründen). Es ist sozusagen - von Amputation kann man da gar nicht mehr sprechen - in der Mitte durchgeschnitten worden. Wie die doppelgeschlechtlichen Kugelwesen bei Platon, die fortan als Männlein und Weiblein durch die Welt laufen müssen und nur in seltensten Glücksfällen auf ihren wahren Herzens-Partner treffen.
Jedem, der das hörte, musste angst und bange werden: Konnte das Artemis-Quartett so überhaupt weiter existieren? Aber durch eine Verkettung von Glücksfällen gelang es, den Verlust wieder wettzumachen und zwei fulminante Musiker zu finden: Gregor Sigl (Violine) und Friedemann Weigle (Bratsche). Näheres dazu ist auf der Website des Quartetts zu erfahren, wo alle dramatischen Umstände offen gelegt werden. Nun musiziert das Quartett seit sieben Monaten mit den neuen Mittelstimmen, von Anfang an wurde die Neuformation von enthusiastischem Lob der Kritik begleitet, und man kann sagen, die Operation ist geglückt und ein neues Kugel- oder eher Viereckwesen geschaffen.
Ein fast gläserner Ton
Am Montag trat das Artemis-Quartett im Kammermusiksaal der Philharmonie auf und spielte so souverän wie stets: mit einem in der Grundierung eher kühlen, fast gläsernen Ton, der Expressivität nicht ausschließt, sie aber nicht auf Kosten der Textur, des internen Gesprächs der Stimmen untereinander gehen lässt. Das war gleich zu Beginn, in den allerersten Takten von Ludwig van Beethovens Quartett D-Dur op. 18, 3 spürbar, wenn sich nach der Vorstellung des Hauptthemas Bratsche und Geigen imitierend ineinander verflechten: Weigle, Sigl und Primgeigerin Natalia Prischepenko spielten das völlig klar, aber ohne didaktischen Nachdruck, die Achtelfiguren silbrig aufblitzend wie die Forelle im Wasser.
Es mag sein, dass dieser strukturbetonte Ansatz manchem zu wenig menschelt. Dmitri Schostakowitschs 9. Streichquartett op. 117 kann man sich im Finalsatz sicherlich kaum rasender und unerbittlicher, kaum frenetischer und härter vorstellen; freilich wirkte es dadurch auch ein wenig leer und mechanistisch, etwa so, wie die deutsche Kritik um 1825 es Rossini vorwarf. Der große Tremoloeinbruch in diesem Satz wurde so unpathetisch wie möglich inszeniert, das Cello-Rezitativ von Eckart Runge kraftvoll, aber ohne Theatralik gespielt. Man muss sich eben genau in die Ausdruckssphäre des Artemis-Quartetts eingehört haben, um in dieser Zurückhaltung die Konzentration der Leidenschaft zu erkennen.
Am eindrucksvollsten wurde die musikalische Intelligenz des Ensembles aber an Beethovens "Rasumowsky"-Quartett e-moll op. 59, 2 sichtbar. Und das nicht nur in den beiden ersten Sätzen, im ständigen Wechsel von mal kontrapunktisch durchbrochener, mal energisch zusammengefasster Textur des Allegro oder in der unendlich ausgreifenden Meditation des Molto adagio - sondern gerade auch in den scheinbar leichter fassbaren Folgesätzen.
Da betonte Sigl, an der zweiten Geige das munter, ja schäfchenhaft hüpfende Finalthema der Primgeige scheinbar untergeordnet begleitend, die aufsteigende Figur g - a - h - c und brachte sich so ins Gespräch; bei der Wiederholung des Themas durfte er dann schon die flotte Achtelnachhut übernehmen.
So durchdacht, mit solch genauem Blick auf formale Zusammenhänge spielt das alt-neue Artemis-Quartett.
WOLFGANG FUHRMANN
Das Artemis-Quartett ist wieder vollständig und auch ganz da
Ein Streichquartett ist - wie jedes Kammermusikensemble - ein empfindlicher Organismus. Wenn ein Mitglied ersetzt werden muss, kann das zu bedrohlichen Störungen der inneren Homöostase führen, zu Abwehrreaktionen des musikalischen Immunsystems und zu weiß Gott was für Komplikationen.
Dem Artemis-Quartett, vielleicht dem bedeutendsten, sicherlich dem maßstabsetzenden jungen Streichquartett unserer Tage, sind im Vorjahr gleich zwei Musiker abhanden gekommen: der Geiger Heime Müller (aus gesundheitlichen Gründen) und der Bratschist Volker Jacobsen (aus privaten Gründen). Es ist sozusagen - von Amputation kann man da gar nicht mehr sprechen - in der Mitte durchgeschnitten worden. Wie die doppelgeschlechtlichen Kugelwesen bei Platon, die fortan als Männlein und Weiblein durch die Welt laufen müssen und nur in seltensten Glücksfällen auf ihren wahren Herzens-Partner treffen.
Jedem, der das hörte, musste angst und bange werden: Konnte das Artemis-Quartett so überhaupt weiter existieren? Aber durch eine Verkettung von Glücksfällen gelang es, den Verlust wieder wettzumachen und zwei fulminante Musiker zu finden: Gregor Sigl (Violine) und Friedemann Weigle (Bratsche). Näheres dazu ist auf der Website des Quartetts zu erfahren, wo alle dramatischen Umstände offen gelegt werden. Nun musiziert das Quartett seit sieben Monaten mit den neuen Mittelstimmen, von Anfang an wurde die Neuformation von enthusiastischem Lob der Kritik begleitet, und man kann sagen, die Operation ist geglückt und ein neues Kugel- oder eher Viereckwesen geschaffen.
Ein fast gläserner Ton
Am Montag trat das Artemis-Quartett im Kammermusiksaal der Philharmonie auf und spielte so souverän wie stets: mit einem in der Grundierung eher kühlen, fast gläsernen Ton, der Expressivität nicht ausschließt, sie aber nicht auf Kosten der Textur, des internen Gesprächs der Stimmen untereinander gehen lässt. Das war gleich zu Beginn, in den allerersten Takten von Ludwig van Beethovens Quartett D-Dur op. 18, 3 spürbar, wenn sich nach der Vorstellung des Hauptthemas Bratsche und Geigen imitierend ineinander verflechten: Weigle, Sigl und Primgeigerin Natalia Prischepenko spielten das völlig klar, aber ohne didaktischen Nachdruck, die Achtelfiguren silbrig aufblitzend wie die Forelle im Wasser.
Es mag sein, dass dieser strukturbetonte Ansatz manchem zu wenig menschelt. Dmitri Schostakowitschs 9. Streichquartett op. 117 kann man sich im Finalsatz sicherlich kaum rasender und unerbittlicher, kaum frenetischer und härter vorstellen; freilich wirkte es dadurch auch ein wenig leer und mechanistisch, etwa so, wie die deutsche Kritik um 1825 es Rossini vorwarf. Der große Tremoloeinbruch in diesem Satz wurde so unpathetisch wie möglich inszeniert, das Cello-Rezitativ von Eckart Runge kraftvoll, aber ohne Theatralik gespielt. Man muss sich eben genau in die Ausdruckssphäre des Artemis-Quartetts eingehört haben, um in dieser Zurückhaltung die Konzentration der Leidenschaft zu erkennen.
Am eindrucksvollsten wurde die musikalische Intelligenz des Ensembles aber an Beethovens "Rasumowsky"-Quartett e-moll op. 59, 2 sichtbar. Und das nicht nur in den beiden ersten Sätzen, im ständigen Wechsel von mal kontrapunktisch durchbrochener, mal energisch zusammengefasster Textur des Allegro oder in der unendlich ausgreifenden Meditation des Molto adagio - sondern gerade auch in den scheinbar leichter fassbaren Folgesätzen.
Da betonte Sigl, an der zweiten Geige das munter, ja schäfchenhaft hüpfende Finalthema der Primgeige scheinbar untergeordnet begleitend, die aufsteigende Figur g - a - h - c und brachte sich so ins Gespräch; bei der Wiederholung des Themas durfte er dann schon die flotte Achtelnachhut übernehmen.
So durchdacht, mit solch genauem Blick auf formale Zusammenhänge spielt das alt-neue Artemis-Quartett.
WOLFGANG FUHRMANN
2007
13.12.2007 - Artemis Quartet - Wigmore Hall London
A cunningly crafted programme with early- and mid-period Beethoven encasing what is arguably one of Shostakovich's greatest works.
The Berlin-based Artemis Quartet has been in existence since 1989 although in the last year it has undergone substantial change through the introduction of Gregor Sigl and Friedemann Weigle - not that one would have known, for the polish on offer at this concert would have done credit to a longer-established group.
Immediately apparent in the opening Beethoven was the quartet's impeccable balance and uncommonly sweet tone. This was music-making at once relaxed and characterful with great care taken over pauses. So often Beethoven's Opus 18 quartets are despatched as though they are simply there to be got through. Here though each movement was given its due, the Andante genuinely con moto yet with real delicacy in the staccato passages and the third movement treated with a lilting gossamer lightness.
Even more impressive was the Shostakovich, its five linked movements culminating in the maelstrom of the massive finale that lasts more than twice as long as any of the preceding movements. From 1964 the quartet is dedicated to Shostakovich's third wife, Irina Antonovna, with whom he was enjoying new stability, not that one would have guessed it from the anxious circling tone of the opening movement with its "crippled Polka" or the third movement's manic William Tell-like Klezmer. Hugely impressively, the Artemis Quartet got to the heart of the matter without interpretative overstatement or overt breast-beating. The fugal finale's moto perpetuo, when it finally burst forth at an unstoppable allegro, generated a massive energy the more potent for the group's incisive articulation and faultless ensemble.
Equally impressive was the second 'Razumovsky' quartet with its precisely calibrated decisive opening, and - despite the swift tempo - the movement's pregnant pauses perfectly judged. The musicians also found the time to make the most of the brief moment of stillness before the coda. The group really got to grips with the individual character of each movement, the extended Adagio benefiting from a degree of understatement, the Allegretto lolloping and light and the finale a manic jig in Beethoven's Celtic mode. This was Beethoven-playing on the very highest level.
The Andante cantabile from Tchaikovsky's First Quartet was the welcome if unexpected encore, delivered with rare poise, subtlety and perfect intonation.
Reviewed by: Douglas Cooksey
A cunningly crafted programme with early- and mid-period Beethoven encasing what is arguably one of Shostakovich's greatest works.
The Berlin-based Artemis Quartet has been in existence since 1989 although in the last year it has undergone substantial change through the introduction of Gregor Sigl and Friedemann Weigle - not that one would have known, for the polish on offer at this concert would have done credit to a longer-established group.
Immediately apparent in the opening Beethoven was the quartet's impeccable balance and uncommonly sweet tone. This was music-making at once relaxed and characterful with great care taken over pauses. So often Beethoven's Opus 18 quartets are despatched as though they are simply there to be got through. Here though each movement was given its due, the Andante genuinely con moto yet with real delicacy in the staccato passages and the third movement treated with a lilting gossamer lightness.
Even more impressive was the Shostakovich, its five linked movements culminating in the maelstrom of the massive finale that lasts more than twice as long as any of the preceding movements. From 1964 the quartet is dedicated to Shostakovich's third wife, Irina Antonovna, with whom he was enjoying new stability, not that one would have guessed it from the anxious circling tone of the opening movement with its "crippled Polka" or the third movement's manic William Tell-like Klezmer. Hugely impressively, the Artemis Quartet got to the heart of the matter without interpretative overstatement or overt breast-beating. The fugal finale's moto perpetuo, when it finally burst forth at an unstoppable allegro, generated a massive energy the more potent for the group's incisive articulation and faultless ensemble.
Equally impressive was the second 'Razumovsky' quartet with its precisely calibrated decisive opening, and - despite the swift tempo - the movement's pregnant pauses perfectly judged. The musicians also found the time to make the most of the brief moment of stillness before the coda. The group really got to grips with the individual character of each movement, the extended Adagio benefiting from a degree of understatement, the Allegretto lolloping and light and the finale a manic jig in Beethoven's Celtic mode. This was Beethoven-playing on the very highest level.
The Andante cantabile from Tchaikovsky's First Quartet was the welcome if unexpected encore, delivered with rare poise, subtlety and perfect intonation.
Reviewed by: Douglas Cooksey
19.10.2007 - Virtuosität der Diskretion
Auch in neuer Formation groß: Das Artemis Quartett in München
Wenn die klassische Kunstmusik es heutzutage schwer hat, sich durchzukämpfen gegen den Schulterschluss von Pop und Quote oder die akuten kulturpolitischen Debatten, dann dürfte es das Streichquartett eigentlich schon gar nicht mehr geben, den Gipfel des kompositorisch Verfeinerten, geistig Elitären, sozial Nutzlos-Schönen. Jedoch: Im Münchner Herkulessaal drängelten sich die Befürworter dieser subtilsten Kunst des Musizierens auf Saiteninstrumenten.
In Sachen musikalische Intelligenz und Klangkultur hat das Artemis Quartett den Status des Besonderen zu verteidigen. Vier Musiker schrieben Erfolgsgeschichte: Das Ensemble unterrichtet an der Musikhochschule in Berlin, es bestreitet dort in der Philharmonie eine eigene Konzertreihe, es musiziert, reich dekoriert mit Preisen, seit Beginn in derselben Formation – bis vor kurzem. Denn das Quartett brach auseinander, musste den zweiten Geiger und den Bratschisten ersetzen. Was normalerweise einer Katastrophe gleichkommt. Hinzugestoßen zu Primgeigerin Natalia Prishepenko und dem Cellisten Eckart Runge sind seit Beginn der Saison die zweite Geige Gregor Sigls und die Bratsche von Friedemann Weigle. Die Frage in einer immer jünger, dichter werdenden internationalen Quartettszene lautet: Kann sich Artemis behaupten in der Konkurrenz um Homogenität, Individualität des Klangs, das gemeinsame Atmen, um Tonschönheit und Strukturlogik des Musizierens? Denn die Art des Quartettspiels, die Intimität solchen Musizierens, gehört zum kompliziertesten und verletzlichsten in der klassischen Musik überhaupt.
Transparenz und Weite
Die beruhigende Antwort kam gleich zu Beginn bei Beethovens frühem A-Dur-Quartett aus der Opus-18-Serie. Artemis hat nichts von den beiden Hauptmerkmalen seiner Kunst eingebüßt: Intellektualität und traumhafte Durchsichtigkeit kammermusikalischen Musizierens, Weite des ästhetischen Blickfeldes, in dem die Moderne und die Ränder des Repertoires hervortreten. Keine Überraschung also, dass auf Beethoven die drei verblüffenden, selten gespielten Stücke von Igor Strawinsky folgten, dass das wenig bekannte zweite Streichquartett von Tschaikowsky den Abend bekrönte.
Kennzeichnend für die Artemis-Leute ist die Klugheit, die sie Beethovens Jugendwerk entgegenbringen – nicht emotionales Ungestüm und gewaltsame Akzente, sondern jene reife Klassizität, die die Durchdringung alles Motivischen zum Ziel hat. Und wie es Natalia Prishepenko schafft, die geigerischen Zügel in Händen zu halten und doch nicht wie eine Solistin zu wirken, wie sie Diskretion nach außen kehrt und darin Virtuosität bindet, solche Ökonomie bedeutet Meisterschaft des Hörens wie des Spielens.
Erstaunen setzt sich fort: Strawinsky war 1914, just als Webern seine Quartett-Bagatellen op. 9 schuf, ebenfalls einer asketischen Kürzelsprache verfallen – bis heute kaum beachtet. Einem russischen Bauerntanz wird mit dynamischklanglich ausgeklügelter Ostinato-Prägnanz heimgeleuchtet, das dritte Stück scheint ein liturgisches Ritual in abgefeimt minimalistische Klänge einbetten zu wollen.
Ehrenrettung für den Komponisten Peter Tschaikowsky, der nicht nur unter Musikintellektuellen gern als emotionaler Schwerathlet geschmäht wird. Aber Tschaikowsky schrieb verzahnte Kammermusik der höchsten Güteklasse, drei Streichquartette, bevor er den schweren Symphonien zu Leibe rückte. Das zweite in F-Dur profitiert von einer Klangästhetik, die vergleichbar ist dem Strukturdenken der Schönberg-Schule. Wie gestaffelt und kontrastreich Tschaikowsky Ausdruck und Leidenschaft komponieren konnte, es wurde im glänzenden Zusammenspiel von Artemis vollkommen deutlich.
WOLFGANG SCHREIBER
Auch in neuer Formation groß: Das Artemis Quartett in München
Wenn die klassische Kunstmusik es heutzutage schwer hat, sich durchzukämpfen gegen den Schulterschluss von Pop und Quote oder die akuten kulturpolitischen Debatten, dann dürfte es das Streichquartett eigentlich schon gar nicht mehr geben, den Gipfel des kompositorisch Verfeinerten, geistig Elitären, sozial Nutzlos-Schönen. Jedoch: Im Münchner Herkulessaal drängelten sich die Befürworter dieser subtilsten Kunst des Musizierens auf Saiteninstrumenten.
In Sachen musikalische Intelligenz und Klangkultur hat das Artemis Quartett den Status des Besonderen zu verteidigen. Vier Musiker schrieben Erfolgsgeschichte: Das Ensemble unterrichtet an der Musikhochschule in Berlin, es bestreitet dort in der Philharmonie eine eigene Konzertreihe, es musiziert, reich dekoriert mit Preisen, seit Beginn in derselben Formation – bis vor kurzem. Denn das Quartett brach auseinander, musste den zweiten Geiger und den Bratschisten ersetzen. Was normalerweise einer Katastrophe gleichkommt. Hinzugestoßen zu Primgeigerin Natalia Prishepenko und dem Cellisten Eckart Runge sind seit Beginn der Saison die zweite Geige Gregor Sigls und die Bratsche von Friedemann Weigle. Die Frage in einer immer jünger, dichter werdenden internationalen Quartettszene lautet: Kann sich Artemis behaupten in der Konkurrenz um Homogenität, Individualität des Klangs, das gemeinsame Atmen, um Tonschönheit und Strukturlogik des Musizierens? Denn die Art des Quartettspiels, die Intimität solchen Musizierens, gehört zum kompliziertesten und verletzlichsten in der klassischen Musik überhaupt.
Transparenz und Weite
Die beruhigende Antwort kam gleich zu Beginn bei Beethovens frühem A-Dur-Quartett aus der Opus-18-Serie. Artemis hat nichts von den beiden Hauptmerkmalen seiner Kunst eingebüßt: Intellektualität und traumhafte Durchsichtigkeit kammermusikalischen Musizierens, Weite des ästhetischen Blickfeldes, in dem die Moderne und die Ränder des Repertoires hervortreten. Keine Überraschung also, dass auf Beethoven die drei verblüffenden, selten gespielten Stücke von Igor Strawinsky folgten, dass das wenig bekannte zweite Streichquartett von Tschaikowsky den Abend bekrönte.
Kennzeichnend für die Artemis-Leute ist die Klugheit, die sie Beethovens Jugendwerk entgegenbringen – nicht emotionales Ungestüm und gewaltsame Akzente, sondern jene reife Klassizität, die die Durchdringung alles Motivischen zum Ziel hat. Und wie es Natalia Prishepenko schafft, die geigerischen Zügel in Händen zu halten und doch nicht wie eine Solistin zu wirken, wie sie Diskretion nach außen kehrt und darin Virtuosität bindet, solche Ökonomie bedeutet Meisterschaft des Hörens wie des Spielens.
Erstaunen setzt sich fort: Strawinsky war 1914, just als Webern seine Quartett-Bagatellen op. 9 schuf, ebenfalls einer asketischen Kürzelsprache verfallen – bis heute kaum beachtet. Einem russischen Bauerntanz wird mit dynamischklanglich ausgeklügelter Ostinato-Prägnanz heimgeleuchtet, das dritte Stück scheint ein liturgisches Ritual in abgefeimt minimalistische Klänge einbetten zu wollen.
Ehrenrettung für den Komponisten Peter Tschaikowsky, der nicht nur unter Musikintellektuellen gern als emotionaler Schwerathlet geschmäht wird. Aber Tschaikowsky schrieb verzahnte Kammermusik der höchsten Güteklasse, drei Streichquartette, bevor er den schweren Symphonien zu Leibe rückte. Das zweite in F-Dur profitiert von einer Klangästhetik, die vergleichbar ist dem Strukturdenken der Schönberg-Schule. Wie gestaffelt und kontrastreich Tschaikowsky Ausdruck und Leidenschaft komponieren konnte, es wurde im glänzenden Zusammenspiel von Artemis vollkommen deutlich.
WOLFGANG SCHREIBER
25.08.2007 - Der Triumph der Saiteneinsteiger
Von Schubert zu Webern ist es nur ein kleiner Schritt: Der erste Auftritt des Artemis Quartetts in neuer Besetzung
Das Artemis-Quartett hat sich neu sortiert, und so war die Sorge allgemein groß, ob seine außergewöhnlichen musikalischen Qualitäten künftig weiter gehalten werden könnten. Auf zwei Positionen verändert, gab das Quartett nun bei den Salzburger Festspielen seinen ersten öffentlichen Auftritt in der neuen Besetzung. Geblieben sind die erste Violine mit Natalie Prischepenko und das Violoncello mit Eckart Runge. Die Neuen heißen Gregor Sigl (zweite Violine) und Friedemann Weigle (Bratsche). Sie ersetzen den Geiger Heime Müller und den Violaspieler Volker Jacobsen.
Der Eingriff in eine gewachsene Streichquartett-Vereinigung birgt immer ein hohes Risiko. Ein neues Mitglied, und hier sogar gleich zwei neue Musiker, bedroht die Integrität eines kleinen Ensembles mehr als ein Wechsel in größeren Kammermusikformationen. Dabei spielt auch das zentrale Repertoire eine nicht unwichtige Rolle. Streichquartette, die vornehmlich Klassik und Romantik pflegen, scheinen stärker gefährdet als ein speziell der Moderne verpflichtetes Quartett - wie man am Beispiel des Arditti String Quartet sehen kann, wo nur noch Gründer Irvine Arditti dabei ist, dessen Kompetenz in Sachen Avantgarde jedoch stets für adäquate Mitstreiter sorgte. Dass aber auch ein primär klassisch-romantisch ausgerichtetes Ensemble einen sogar schmerzlichen Wechsel ohne Beschädigungen überstehen kann, dafür steht das Alban Berg Quartett seit dem Verlust seines Bratschers Thomas Kakuska.
Das Alban Berg Quartett - neben dem LaSalle Quartet und Walter Levin eines der großen Vorbilder für die Artemis-Musiker - wird im nächsten Jahr seine letzte Saison spielen. Da trifft es sich perfekt, dass sich das Artemis-Quartett für das kommende Jahrzehnt sozusagen verjüngt.
Das Beeindruckendste, Erfreulichste und Beruhigendste des Salzburger Konzerts im Großen Saal des Mozarteums war: Das Artemis-Quartett hat mit seinen neuen Mitgliedern auf Anhieb eine verblüffend "alte" Geschlossenheit erreicht. Klangfülle, Klangqualität, lineare Geschmeidigkeit, gestische Plastizität und hohe Transparenz des Klangbildes verbinden sich mit einer überwältigenden Beredtheit der musikalischen Sprache.
Es ist ja nicht so, dass Streichquartette, wie oben vielleicht missverständlich ausgedrückt, sich so einfach in modern oder klassisch-romantisch unterteilen ließen. Die Beschäftigung mit der zweiten Wiener Schule, mit Schönberg, Berg und Webern, gehört ebenso zum Repertoire wie das Schaffen eines Bartók, Schostakowitsch oder Ligeti. Und dass viele Musiker und Komponisten das Spätwerk Beethovens in seiner nach vorn weisenden Modernität wieder für sich entdecken, zählt seit Stockhausen ebenfalls zu den Phänomenen der Avantgarde. Am Ende der Festspiele wird ein anderes Vorbild-Quartett der Artemis-Musiker, das Emerson String Quartet, an einem Abend Spätwerke Beethovens spielen.
Für Salzburg wählte das Artemis-Quartett den fragmentarischen Quartettsatz c-Moll D 703 und das Streichquintett C-Dur D 956 von Franz Schubert sowie die "Fünf Sätze für Streichquartett op. 5" und die "Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9" von Anton Webern aus. Faszinierend an den Webern-Darstellungen war, wie sich das Spiel des Artemis-Quartetts nicht auf die perfekte Durchlichtung der knappen, gleichwohl komplexen Strukturen der beiden Werke beschränkte, sondern dass sie zugleich tief in die inneren Klangspannungen eindrangen. Was man hörte, das waren hochsensible musikalische Psychogramme, emotionale Notierungen.
Dass Weberns komprimierte Stenogramme gern mit Schuberts Musik in Verbindung gebracht werden, ist inzwischen Allgemeingut. In diesem Konzert bot sich Gelegenheit, es wieder einmal zu erfahren. Man brauchte nur mit dem inneren Ohr die Webern-Kürzel zu verlängern, und schon landete man bei Schubert. Das Streichquintett, mit Truls Mørk als zweitem Cellisten, gewann eine unerhörte innere Weite und eine dunkel getönte, differenzierte Klangfülle. Und im Quartettsatz c-Moll wirkte die präzise Herausarbeitung der eng beieinanderliegenden Kontraste fast so modern, als wäre Schubert unser Zeitgenosse. Fabelhaft. Das Artemis-Quartett sollte zu den festen Positionen im Salzburger Festspielprogramm gehören.
GERHARD ROHDE
Von Schubert zu Webern ist es nur ein kleiner Schritt: Der erste Auftritt des Artemis Quartetts in neuer Besetzung
Das Artemis-Quartett hat sich neu sortiert, und so war die Sorge allgemein groß, ob seine außergewöhnlichen musikalischen Qualitäten künftig weiter gehalten werden könnten. Auf zwei Positionen verändert, gab das Quartett nun bei den Salzburger Festspielen seinen ersten öffentlichen Auftritt in der neuen Besetzung. Geblieben sind die erste Violine mit Natalie Prischepenko und das Violoncello mit Eckart Runge. Die Neuen heißen Gregor Sigl (zweite Violine) und Friedemann Weigle (Bratsche). Sie ersetzen den Geiger Heime Müller und den Violaspieler Volker Jacobsen.
Der Eingriff in eine gewachsene Streichquartett-Vereinigung birgt immer ein hohes Risiko. Ein neues Mitglied, und hier sogar gleich zwei neue Musiker, bedroht die Integrität eines kleinen Ensembles mehr als ein Wechsel in größeren Kammermusikformationen. Dabei spielt auch das zentrale Repertoire eine nicht unwichtige Rolle. Streichquartette, die vornehmlich Klassik und Romantik pflegen, scheinen stärker gefährdet als ein speziell der Moderne verpflichtetes Quartett - wie man am Beispiel des Arditti String Quartet sehen kann, wo nur noch Gründer Irvine Arditti dabei ist, dessen Kompetenz in Sachen Avantgarde jedoch stets für adäquate Mitstreiter sorgte. Dass aber auch ein primär klassisch-romantisch ausgerichtetes Ensemble einen sogar schmerzlichen Wechsel ohne Beschädigungen überstehen kann, dafür steht das Alban Berg Quartett seit dem Verlust seines Bratschers Thomas Kakuska.
Das Alban Berg Quartett - neben dem LaSalle Quartet und Walter Levin eines der großen Vorbilder für die Artemis-Musiker - wird im nächsten Jahr seine letzte Saison spielen. Da trifft es sich perfekt, dass sich das Artemis-Quartett für das kommende Jahrzehnt sozusagen verjüngt.
Das Beeindruckendste, Erfreulichste und Beruhigendste des Salzburger Konzerts im Großen Saal des Mozarteums war: Das Artemis-Quartett hat mit seinen neuen Mitgliedern auf Anhieb eine verblüffend "alte" Geschlossenheit erreicht. Klangfülle, Klangqualität, lineare Geschmeidigkeit, gestische Plastizität und hohe Transparenz des Klangbildes verbinden sich mit einer überwältigenden Beredtheit der musikalischen Sprache.
Es ist ja nicht so, dass Streichquartette, wie oben vielleicht missverständlich ausgedrückt, sich so einfach in modern oder klassisch-romantisch unterteilen ließen. Die Beschäftigung mit der zweiten Wiener Schule, mit Schönberg, Berg und Webern, gehört ebenso zum Repertoire wie das Schaffen eines Bartók, Schostakowitsch oder Ligeti. Und dass viele Musiker und Komponisten das Spätwerk Beethovens in seiner nach vorn weisenden Modernität wieder für sich entdecken, zählt seit Stockhausen ebenfalls zu den Phänomenen der Avantgarde. Am Ende der Festspiele wird ein anderes Vorbild-Quartett der Artemis-Musiker, das Emerson String Quartet, an einem Abend Spätwerke Beethovens spielen.
Für Salzburg wählte das Artemis-Quartett den fragmentarischen Quartettsatz c-Moll D 703 und das Streichquintett C-Dur D 956 von Franz Schubert sowie die "Fünf Sätze für Streichquartett op. 5" und die "Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9" von Anton Webern aus. Faszinierend an den Webern-Darstellungen war, wie sich das Spiel des Artemis-Quartetts nicht auf die perfekte Durchlichtung der knappen, gleichwohl komplexen Strukturen der beiden Werke beschränkte, sondern dass sie zugleich tief in die inneren Klangspannungen eindrangen. Was man hörte, das waren hochsensible musikalische Psychogramme, emotionale Notierungen.
Dass Weberns komprimierte Stenogramme gern mit Schuberts Musik in Verbindung gebracht werden, ist inzwischen Allgemeingut. In diesem Konzert bot sich Gelegenheit, es wieder einmal zu erfahren. Man brauchte nur mit dem inneren Ohr die Webern-Kürzel zu verlängern, und schon landete man bei Schubert. Das Streichquintett, mit Truls Mørk als zweitem Cellisten, gewann eine unerhörte innere Weite und eine dunkel getönte, differenzierte Klangfülle. Und im Quartettsatz c-Moll wirkte die präzise Herausarbeitung der eng beieinanderliegenden Kontraste fast so modern, als wäre Schubert unser Zeitgenosse. Fabelhaft. Das Artemis-Quartett sollte zu den festen Positionen im Salzburger Festspielprogramm gehören.
GERHARD ROHDE
24.08.2007 - KAMMERKONZERT / ARTEMIS QUARTETT - Wienerische Längen und Kürzen
Natalia Prischepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge: Eben erst hat sich das seit 1989 bestehende Artemis Quartett zur Hälfte erneuert, schon tritt es bei den Salzburger Festspielen auf.
Was für ein Auftritt! Weiterhin gehört es zu den ganz wenigen wirklich erstklassigen Streichquartetten in seiner vollkommenen Übereinstimmung, sowohl was den rhythmischen Impetus als auch was den gemeinsamen Klang betrifft. Von intimster Zartheit bis zum orchestralen Aplomb reicht die sonore Palette, mit Leichtigkeit erfüllt es den Großen Saal des Mozarteums mit seinem Fortissimo – aber eben auch mit den leisesten, gerade noch vernehmbaren Tönen.
Und auch die überlegte Programmgestaltung wird wohl weiterhin ein Markenzeichen dieses Ensembles bleiben. Für seinen Festspielauftritt hat es sich auf zwei der wienerischsten Komponisten konzentriert: Schubert und Webern. Ein kontrastreiches Programm, aber auch viel Verbindendes über den gemeinsamen Geburtsort hinaus. Schubert wie Webern haben sich intensiv mit der musikalischen Zeit auseinandergesetzt und sind jeweils zu überzeugenden Ergebnissen gekommen, so verschieden diese auch sein mögen. Himmlische Längen und aphoristische Kürze.
Schuberts Quartettsatz c-Moll eröffnete den Abend. Als besondere Überraschung bescherte er das Erlebnis, dass das Cello als das tiefste der vier Instrumente über den anderen zu schweben schien mit seinen Pizzicati, wie ein Glockenspiel über dem durchsichtigen Geflecht der hohen Stimmen. Eine weitere Überraschung war das Andante, mit dem Schubert das Quartett weiterführen wollte. Ein schöner, aber vergeblicher Versuch, Schubert ließ das Fragment liegen.
Weberns Fünf Sätze für Streichquartett op.5 (1909): Auch ein Versuch, ein Quartett zu schreiben. Drei Sätze halten sich in aller Kürze an das überkommene Schema (Heftig bewegt, Sehr langsam, Sehr bewegt). Doch dann folgt ein weiteres "Sehr langsam" – beim Artemis Quartett gläsern-ätherisch klingend. Das Ende "In zarter Bewegung" rief eine Empfindung hervor, wie wenn eine scharfe Schneide von einer weichen Oberfläche verdeckt würde. Gar keinen Konventionen mehr verpflichtet sind Weberns Sechs Bagatellen für Streichquartett op.9, wenige Jahre später (1911 bis 1913) geschrieben. Die dritte ist "Ziemlich fließend" betitelt: Ein sekundenlanger Blick auf Schuberts "Bächlein". Und zum Schluss noch einmal "Fließend", eine mikroskopische Ballszene: Ein Tanz, danach das Gewimmel im Saal, und dann das Verklingen, ein leerer Raum.
Für Schuberts Streichquintett D 956 ergänzte der norwegische Cellist Truls Mørk das Ensemble. Einen Solisten dieses Kalibers brauchte es auch, fast nahtlos hat er sich eingefügt. Im Allegro ma non troppo wurde die Exposition wiederholt, damit hatte der Satz gerade die richtige Länge. Das zweite Thema sollte ohnehin nie aufhören, so nah ist es dem Himmel. Auch das Adagio klang heilig, das Trio der mittleren Stimmen wie eine leise Orgel, die Melodien von Violine und Cello beschworen wohl Sehnsucht, aber keine irdische – eine Vision von einem seligen Jenseits. Im Scherzo klangen die Fanfaren der Streicher schöner sogar als alte Trompeten, das Trio war belebt von Klangnuancen auf kleinstem Raum. Ein letzter Höhepunkt das Allegretto, als solches eben nicht zu schnell aufgefasst, wiegend und wienerisch schwelgend. Die Violine, trotz gelegentlicher Intonationsprobleme, federleicht darüber flatternd, so leicht, dass die tieferen Stimmen – besonders die Bratsche – ihren ganzen Reichtum ausbreiten konnten. Der ambivalente Schluss gelang in seiner Zweideutigkeit: Affirmation oder Frage? Keine Frage für die Zuhörer, die Zustimmung war groß.
Karl Winkler
Natalia Prischepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge: Eben erst hat sich das seit 1989 bestehende Artemis Quartett zur Hälfte erneuert, schon tritt es bei den Salzburger Festspielen auf.
Was für ein Auftritt! Weiterhin gehört es zu den ganz wenigen wirklich erstklassigen Streichquartetten in seiner vollkommenen Übereinstimmung, sowohl was den rhythmischen Impetus als auch was den gemeinsamen Klang betrifft. Von intimster Zartheit bis zum orchestralen Aplomb reicht die sonore Palette, mit Leichtigkeit erfüllt es den Großen Saal des Mozarteums mit seinem Fortissimo – aber eben auch mit den leisesten, gerade noch vernehmbaren Tönen.
Und auch die überlegte Programmgestaltung wird wohl weiterhin ein Markenzeichen dieses Ensembles bleiben. Für seinen Festspielauftritt hat es sich auf zwei der wienerischsten Komponisten konzentriert: Schubert und Webern. Ein kontrastreiches Programm, aber auch viel Verbindendes über den gemeinsamen Geburtsort hinaus. Schubert wie Webern haben sich intensiv mit der musikalischen Zeit auseinandergesetzt und sind jeweils zu überzeugenden Ergebnissen gekommen, so verschieden diese auch sein mögen. Himmlische Längen und aphoristische Kürze.
Schuberts Quartettsatz c-Moll eröffnete den Abend. Als besondere Überraschung bescherte er das Erlebnis, dass das Cello als das tiefste der vier Instrumente über den anderen zu schweben schien mit seinen Pizzicati, wie ein Glockenspiel über dem durchsichtigen Geflecht der hohen Stimmen. Eine weitere Überraschung war das Andante, mit dem Schubert das Quartett weiterführen wollte. Ein schöner, aber vergeblicher Versuch, Schubert ließ das Fragment liegen.
Weberns Fünf Sätze für Streichquartett op.5 (1909): Auch ein Versuch, ein Quartett zu schreiben. Drei Sätze halten sich in aller Kürze an das überkommene Schema (Heftig bewegt, Sehr langsam, Sehr bewegt). Doch dann folgt ein weiteres "Sehr langsam" – beim Artemis Quartett gläsern-ätherisch klingend. Das Ende "In zarter Bewegung" rief eine Empfindung hervor, wie wenn eine scharfe Schneide von einer weichen Oberfläche verdeckt würde. Gar keinen Konventionen mehr verpflichtet sind Weberns Sechs Bagatellen für Streichquartett op.9, wenige Jahre später (1911 bis 1913) geschrieben. Die dritte ist "Ziemlich fließend" betitelt: Ein sekundenlanger Blick auf Schuberts "Bächlein". Und zum Schluss noch einmal "Fließend", eine mikroskopische Ballszene: Ein Tanz, danach das Gewimmel im Saal, und dann das Verklingen, ein leerer Raum.
Für Schuberts Streichquintett D 956 ergänzte der norwegische Cellist Truls Mørk das Ensemble. Einen Solisten dieses Kalibers brauchte es auch, fast nahtlos hat er sich eingefügt. Im Allegro ma non troppo wurde die Exposition wiederholt, damit hatte der Satz gerade die richtige Länge. Das zweite Thema sollte ohnehin nie aufhören, so nah ist es dem Himmel. Auch das Adagio klang heilig, das Trio der mittleren Stimmen wie eine leise Orgel, die Melodien von Violine und Cello beschworen wohl Sehnsucht, aber keine irdische – eine Vision von einem seligen Jenseits. Im Scherzo klangen die Fanfaren der Streicher schöner sogar als alte Trompeten, das Trio war belebt von Klangnuancen auf kleinstem Raum. Ein letzter Höhepunkt das Allegretto, als solches eben nicht zu schnell aufgefasst, wiegend und wienerisch schwelgend. Die Violine, trotz gelegentlicher Intonationsprobleme, federleicht darüber flatternd, so leicht, dass die tieferen Stimmen – besonders die Bratsche – ihren ganzen Reichtum ausbreiten konnten. Der ambivalente Schluss gelang in seiner Zweideutigkeit: Affirmation oder Frage? Keine Frage für die Zuhörer, die Zustimmung war groß.
Karl Winkler
2005
08.12.2005 - Kurzware
Offene Beziehung
JAN BRACHMANN
Es hat eine gewisse Konsequenz, welche Künstler das Label Virgin Classics in letzter Zeit an sich gebunden hat. Junge Musiker sind es zumeist, deren technische Souveränität reflexiv gebrochen ist. Ihr Verhältnis zur Ausdruckswelt der Tradition hat seine Naivität verloren. Der Cellist Truls Mørk etwa, einer der besten unserer Zeit, stellt Expressivität oft auf nur defensivem Wege her: durch Rücknahme von Bogendruck, durch Eingrenzung des Vibratos und durch eine strenge Intonation, die vitale Nebengeräusche weitgehend vermeidet. Beim Pianisten Piotr Anderszewski wird, wenn er zum Beispiel Chopin spielt, Innerlichkeit nur noch aus der Erinnerung rekonstruiert. Die bedeutungsvolle Geste erscheint eher als Zitat denn als Original, die Zeit schiebt sich wie ein trüb gewordenes Glas zwischen uns und das, was einmal »Seele« hieß.
Nun hat das zur EMI gehörende Label im Sommer auch das junge deutsche Artemis-Quartett exklusiv unter Vertrag genommen, und die erste CD, mit Beethovens op. 95 und op. 59 Nr. 1, ist ebenso fesselnd wie irritierend. Die Auswahl markiert ja eine kritische Wende in der Kunst des 19. Jahrhunderts: Mit den drei Quartetten op. 59 hatte Beethoven der Kammermusik noch den repräsentativen Rang von Orchestermusik erstreiten wollen. Das Streichquartett sollte zu einem Organ neuer Öffentlichkeit werden, mit dessen Hilfe man sich über die Dinge des Lebens verständigen konnte. Das Quartett op. 95 aber bezeugt das Scheitern jenes Plans: Als Dokument einer Lebenskrise — nämlich der sich erhärtenden Gewissheit, keine eigene Familie gründen zu können -hielt Beethoven es lange zurück. Öffentlichkeit wurde zum Problem, Aufrichtigkeit schien nur in exklusiven Kleingruppen möglich, das Publikmachen grenzte an Verrat.
Das Artemis-Quartett spielt beide Werke mit raffinierter Klangkultur, und es macht einen großen Unterschied, ob Natalia Prischepenko oder Heime Müller die erste Violine übernimmt. Sehr mild beginnt das F-Dur-Quartett op. 59 mit Müller als Primarius, und diese Milde verträgt sich gut mit diesem Beginn: Das Thema schwebt ja ins Offene; die melodischen Ruhepunkte sind keine Gliederungspunkte mehr des harmonischen Verlaufs. Und die Harmonik selbst hebt den Unterschied zwischen Konsonanz und Dissonanz auf in ein sanftes Sowohl-als-auch. Debussy konnte hier viel lernen. Anders das f-moll-Quartett op. 95, angeführt von der forscheren Prischepenko: Die Schärfe des Tons mag hier als Zeichen einer Verzweiflung gelten, die auf das gesellschaftlich Verbindliche keine Rücksicht mehr nimmt. Und wie im ersten Satz die Sechzehntel-Figur des Anfangs stets das wichtigste Ferment der Entwicklung bleibt, allen Oberstimmen-Kantilenen zum Trotz, das zeugt von struktureller Einsicht der jungen Musiker.
Das gesellschaftlich Verbindliche freilich hat heute an Gewicht verloren. Da fällt es leicht, rücksichtslos zu sein. Das hört man dem Artemis-Quartett eben an. Man staunt über die Technik: das rasende Tempo, die flotten Strich- und Farbwechsel. Alles kündet von einer enormen Professionalität im Herstellen von Ausdruck, jedoch kaum von dem Schock: »Das bin ja ich.« Man höre im Vergleich dazu die Aufnahme dieses Opus 95 mit dem Borodin-Quartett von 1968, wo jeder Bindebogen als nicht-revidierbare Entscheidung, jedes Sforzato als Angelegenheit auf Leben und Tod hervortritt. Dieser Welt von gestern hält das Artemis-Quartett nun die Abenteuerlust eines Heute entgegen, die sich — anders als Beethoven -in unentwegt offenen Beziehungen ausleben will. Wo man beim Borodin-Quartett etwas vom Widerstand der Musik gegen das Aufgeführt-Werden spürt, hört man beim Artemis-Quartett einen Widerstand gegen die bruchlose Identifikation mit der Musik. Darin allerdings liegt auch eine Art von Aufrichtigkeit.
Offene Beziehung
JAN BRACHMANN
Es hat eine gewisse Konsequenz, welche Künstler das Label Virgin Classics in letzter Zeit an sich gebunden hat. Junge Musiker sind es zumeist, deren technische Souveränität reflexiv gebrochen ist. Ihr Verhältnis zur Ausdruckswelt der Tradition hat seine Naivität verloren. Der Cellist Truls Mørk etwa, einer der besten unserer Zeit, stellt Expressivität oft auf nur defensivem Wege her: durch Rücknahme von Bogendruck, durch Eingrenzung des Vibratos und durch eine strenge Intonation, die vitale Nebengeräusche weitgehend vermeidet. Beim Pianisten Piotr Anderszewski wird, wenn er zum Beispiel Chopin spielt, Innerlichkeit nur noch aus der Erinnerung rekonstruiert. Die bedeutungsvolle Geste erscheint eher als Zitat denn als Original, die Zeit schiebt sich wie ein trüb gewordenes Glas zwischen uns und das, was einmal »Seele« hieß.
Nun hat das zur EMI gehörende Label im Sommer auch das junge deutsche Artemis-Quartett exklusiv unter Vertrag genommen, und die erste CD, mit Beethovens op. 95 und op. 59 Nr. 1, ist ebenso fesselnd wie irritierend. Die Auswahl markiert ja eine kritische Wende in der Kunst des 19. Jahrhunderts: Mit den drei Quartetten op. 59 hatte Beethoven der Kammermusik noch den repräsentativen Rang von Orchestermusik erstreiten wollen. Das Streichquartett sollte zu einem Organ neuer Öffentlichkeit werden, mit dessen Hilfe man sich über die Dinge des Lebens verständigen konnte. Das Quartett op. 95 aber bezeugt das Scheitern jenes Plans: Als Dokument einer Lebenskrise — nämlich der sich erhärtenden Gewissheit, keine eigene Familie gründen zu können -hielt Beethoven es lange zurück. Öffentlichkeit wurde zum Problem, Aufrichtigkeit schien nur in exklusiven Kleingruppen möglich, das Publikmachen grenzte an Verrat.
Das Artemis-Quartett spielt beide Werke mit raffinierter Klangkultur, und es macht einen großen Unterschied, ob Natalia Prischepenko oder Heime Müller die erste Violine übernimmt. Sehr mild beginnt das F-Dur-Quartett op. 59 mit Müller als Primarius, und diese Milde verträgt sich gut mit diesem Beginn: Das Thema schwebt ja ins Offene; die melodischen Ruhepunkte sind keine Gliederungspunkte mehr des harmonischen Verlaufs. Und die Harmonik selbst hebt den Unterschied zwischen Konsonanz und Dissonanz auf in ein sanftes Sowohl-als-auch. Debussy konnte hier viel lernen. Anders das f-moll-Quartett op. 95, angeführt von der forscheren Prischepenko: Die Schärfe des Tons mag hier als Zeichen einer Verzweiflung gelten, die auf das gesellschaftlich Verbindliche keine Rücksicht mehr nimmt. Und wie im ersten Satz die Sechzehntel-Figur des Anfangs stets das wichtigste Ferment der Entwicklung bleibt, allen Oberstimmen-Kantilenen zum Trotz, das zeugt von struktureller Einsicht der jungen Musiker.
Das gesellschaftlich Verbindliche freilich hat heute an Gewicht verloren. Da fällt es leicht, rücksichtslos zu sein. Das hört man dem Artemis-Quartett eben an. Man staunt über die Technik: das rasende Tempo, die flotten Strich- und Farbwechsel. Alles kündet von einer enormen Professionalität im Herstellen von Ausdruck, jedoch kaum von dem Schock: »Das bin ja ich.« Man höre im Vergleich dazu die Aufnahme dieses Opus 95 mit dem Borodin-Quartett von 1968, wo jeder Bindebogen als nicht-revidierbare Entscheidung, jedes Sforzato als Angelegenheit auf Leben und Tod hervortritt. Dieser Welt von gestern hält das Artemis-Quartett nun die Abenteuerlust eines Heute entgegen, die sich — anders als Beethoven -in unentwegt offenen Beziehungen ausleben will. Wo man beim Borodin-Quartett etwas vom Widerstand der Musik gegen das Aufgeführt-Werden spürt, hört man beim Artemis-Quartett einen Widerstand gegen die bruchlose Identifikation mit der Musik. Darin allerdings liegt auch eine Art von Aufrichtigkeit.
08.12.2005 - Mozart hätte sich gefreut
Im Mozart-Saal der Alten Oper bewiesen Natalia Prishepenko und Heime Müller (alternierende Violinen), der Bratschist Volker Jacobsen und der Cellist Eckart Runge abermals, daß das Artemis Quartett zur Extraklasse unter den Streichquartetten zählt. Auf dem Programm standen das Streichquartett B-Dur KV 589 von Wolfgang Amadeus Mozart, Bela Bartóks Streichquartett Nr. 4 und Franz Schuberts singuläres Streichquintett C-Dur D 956 mit Alban Gerhardt als zweitem Cellisten.
Das B-Dur-Quartett ist eines von sechs Quartetten, die Mozart dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IL, einem begeisterten Amateur-Cellisten, widmete. Mit ausdrucksstarker Noblesse realisierte Ek-kart Runge den eigens für den Widmungsträger sehr aufwendig gestalteten Cellopart. Mozart hätte wohl seine helle Freude an dieser Aufführung gehabt.
Geradezu sensationell war die Wiedergabe des vierten Bartök-Streichquartetts: Dort, wo andere oft angestrengt wirken, agierte das Artemis Quartett mit müheloser, gleichsam nonchalanter Verve und schier unerschöpflicher Energie, die aber niemals außer Kontrolle geriet. Die Reaktion des Publikums auf diese exzeptionelle Leistung ging mit stürmischen Beifallsbekundungen weit über das übliche Maß hinaus. Abschließend erlebte man' eine an Schönheit und Ausdrucksintensität wohl kaum zu übertreffende Wiedergabe des Schubert-Quintetts und, natürlich, keine Zugabe, denn - frei nach Schubert: Was schon gäbe es nach diesem Stück noch zu sagen?
jow.
Im Mozart-Saal der Alten Oper bewiesen Natalia Prishepenko und Heime Müller (alternierende Violinen), der Bratschist Volker Jacobsen und der Cellist Eckart Runge abermals, daß das Artemis Quartett zur Extraklasse unter den Streichquartetten zählt. Auf dem Programm standen das Streichquartett B-Dur KV 589 von Wolfgang Amadeus Mozart, Bela Bartóks Streichquartett Nr. 4 und Franz Schuberts singuläres Streichquintett C-Dur D 956 mit Alban Gerhardt als zweitem Cellisten.
Das B-Dur-Quartett ist eines von sechs Quartetten, die Mozart dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IL, einem begeisterten Amateur-Cellisten, widmete. Mit ausdrucksstarker Noblesse realisierte Ek-kart Runge den eigens für den Widmungsträger sehr aufwendig gestalteten Cellopart. Mozart hätte wohl seine helle Freude an dieser Aufführung gehabt.
Geradezu sensationell war die Wiedergabe des vierten Bartök-Streichquartetts: Dort, wo andere oft angestrengt wirken, agierte das Artemis Quartett mit müheloser, gleichsam nonchalanter Verve und schier unerschöpflicher Energie, die aber niemals außer Kontrolle geriet. Die Reaktion des Publikums auf diese exzeptionelle Leistung ging mit stürmischen Beifallsbekundungen weit über das übliche Maß hinaus. Abschließend erlebte man' eine an Schönheit und Ausdrucksintensität wohl kaum zu übertreffende Wiedergabe des Schubert-Quintetts und, natürlich, keine Zugabe, denn - frei nach Schubert: Was schon gäbe es nach diesem Stück noch zu sagen?
jow.
05.12.2005 - "Wir wollen die Gänsehaut"
Von Johannes Saltzwedel
Lange galt das Artemis Quartett als Geheimtipp. Nun überraschen die vier Berliner mit unerhörtem Beethoven-Sound - und rücken so zur Weltspitze der Streichquartette auf.
Täuschender könnte es kaum anfangen: volle, getragene Akkorde, wehmütig, etwas unschlüssig. Noch eine winzige Klangfigur. Aber dann prescht es los, nervös und drängend. Harte Schnitte, Kontraste zum Zusammenzucken: Genau das muss Beethoven mit dem Finale seines "Quartetto serioso" gemeint haben. Doch wann ist es schon so dramatisch zu hören?
Ein Kenner starrt lauernd in die Noten, auf der Empore beugen sich zwei asiatische Musikstudentinnen ahnungsvoll vor - ja, jetzt: Urplötzlich scheinen die vier Streicher auf Zeitraffer umgeschaltet zu haben. Leise huschende Melodiebögen in Höchstgeschwindigkeit beenden in wenigen Sekunden das Wechselbad der Gefühle.
Typisch Artemis Quartett: Wenn Natalia Prischepenko, Heime Müller, Volker Jacobsen und Eckart Runge loslegen, schaffen es die vier mühelos, den riesigen Saal der Berliner Philharmonie in atemlos gespannte Stille zu versetzen, wie Hochseil-Akrobaten kurz vor dem dreifachen Salto.
"Wir wollen die Gänsehaut", sagt Eckart Runge, der Cellist. "Volles Risiko" heißt die Devise. Selbst abgebrühte Kritiker sind vom Klang-Einsatz überwältigt. "Schockartig" und "mitreißend" in ihrer "Aggressivität", kurz: "kompromisslos radikal", so schrieb mit verblüfftem Respekt die "Süddeutsche Zeitung", holten die Artemis-Musiker Beethoven in die Gegenwart. Und nicht nur ihn. Von Schuberts melodiös getarntem Schauder bis zu den schrillen, mathematisch durchkalkulierten Tongefechten eines György Ligeti scheint unter ihrem Bogenstrich jedes Werk plötzlich wie in Großaufnahme dazustehen.
Ähnliches erleben die Berliner nun auch an sich selbst. Gerade sind die ersten zwei von zehn CDs bei Virgin Classics erschienen, auf denen das Artemis Quartett in den kommenden fünf Jahren seine Finessen zeigen kann. "Total antizyklisch" sei dieser Auftritt, meint Runge bescheiden, aber strahlend. Überall sonst wird im Klassiksektor gespart; oft genug müssen sich sogar Spitzensolisten von einer Aufnahmechance zur nächsten durchbeißen. Da ist ein Exklusivvertrag wie dieser in der Branche schon eine kleine Sensation.
Stars vom Reißbrett des Marketings wie der chinesische Tastenakrobat Lang Lang oder gar Anna Netrebko, Sopran-pa mit Pin-up-Figur, können die vier zwar nicht werden. Aber das wollen sie auch nicht, wie ihre bisherige Karriere beweist. Selten haben Musiker ihr gemeinsames Ziel so behutsam und akribisch angesteuert.
Bloß der Anfang kam völlig spontan: 1989, bei einem Meisterkurs an der Lübecker Musikhochschule. Walter Levin, Primarius des legendären LaSalle-Quartetts, bot Expertenrat für Ensemble-Einsteiger an. Auf einmal mussten die kaum miteinander bekannten jungen Leute sich einen Namen ausdenken. "Artemis" klang einfach gut. Dass die Jagdgöttin der Griechen ihren Bogen als Waffe führt, war in diesem Moment völlig egal.
Levin brachte sie dazu, aus Partituren zu spielen statt aus den Einzelstimmen, damit sie "aufeinander hören" lernten - und plötzlich wurde klar, welch grundverschiedene Temperamente sie waren. Natalia Prischepenko, geboren im russischen Kohlenpott von Kusnezk, kommt aus der Schule des sagenumwobenen Teufelsgeiger-Machers Zachar Bron. Ihr Kollege an der Violine, der fröhliche blonde Analytiker Heime Müller aus Hamburg, komponiert und arrangiert gern selbst. Der Bratscher Volker Jacobsen ist ein langer, bedächtiger Hannoveraner. Und Eckart Runge am Cello, ein vielsprachiger Diplomatensohn, wirbt und rackert für Grenzgänge wie Jazz, Tango oder Filmmusik.
"Dass das Ensemble lange bestehen bleibt, will man kaum glauben", schrieb noch 1996 ein überschlauer Kritiker, der fatale "Zentrifugalkräfte" im Spiel der Viererbande erlauscht haben wollte. Ja, es habe manchen Streit gegeben, gesteht Runge. Aber dabei habe die demokratisch organisierte Berufsehe zu viert nur gewonnen. Strittige Spielnuancen schicken sie heute einfach in den Praxistest, an zwei Konzertabenden.
Der Sieg in gleich zwei der renommiertesten Wettbewerbe der Welt, des ARD-Musikwettbewerbs (1996) und des italienischen Premio Borciani (1997), bewies, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Andere hätten den Erfolg möglichst rasch ausgemünzt. Die vier hingegen taten etwas Unerhörtes: Sie gingen nochmals in die Lehre, anderthalb Jahre in Wien beim peniblen Alban Berg Quartett. Vom Emerson String Quartet aus den USA guckten sie ab, die Geiger an Platz eins und zwei wechseln zu lassen. Zu guter Letzt folgten drei Monate Übeklausur am Berliner Wissenschaftskolleg mit ihrem Gründungspaten Walter Levin.
Rund um die Welt sind sie seither unterwegs, von Haydn bis Bartók und weiter in die Gegenwart beherrschen sie das Repertoire. Auch Stücke faszinierender Randfiguren wie die des "spanischen Mozart" Arriaga, des Operngiganten Verdi oder des komponierenden Pianisten Eduard Erdmann haben sie schon gemeistert. Vor der Kamera des Glenn-Gould-Filmers Bruno Monsaigneon haben sie Beethovens revolutionäre "Große Fuge" gespielt. Nur Plattenaufnahmen sind rar geblieben. Ihr Perfektionismus, der sie einst zurück ins Trainingslager trieb, ließ sie bislang auch vor Mikrofonen jeden Kompromiss scheuen.
Darum ist die neue Reihe im Programm von Virgin, einer Tochter der Weltfirma EMI, für die Berliner Ton-Tüftler nun ein besonders großer Schritt voran, und das zu einer Zeit, da in der Zunft fatales Gedränge herrscht: Belcea Quartet, Fauré-Quartett, Henschel Quartett, Kuss-Quartett, Minguet Quartett, Petersen Quartett, Rosamunde Quartett, Vogler Quartett - mit oder ohne Bindestrich, gut sind sie alle. Aber wenn es ums Letzte, Äußerste geht, eben doch nicht ganz so perfekt, so kompromisslos, so quicklebendig wie die Artemis-Leute.
"Wir haben völlige Gestaltungsfreiheit, ganz wie früher", berichtet Eckart Runge stolz über das Plattenprojekt. Mit Beethovens Opus 95 und Opus 59 Nr. 1, dazu der Neuauflage einer vielbeachteten Ligeti-Aufnahme der Firma Ars Musici, geht es jetzt los. Alles Weitere wird sich zeigen. Druck machen sie sich höchstens selbst, zum Beispiel mit der Idee, bis 2010 alle Beethoven-Quartette einzuspielen.
Wer könnte auch garantieren, ob ihr auf fast drei Jahre ausgebuchter Terminplan zu halten ist? Als Natalia Prischepenko ein Kind bekam, gab es natürlich Baby-Auszeit; seit wenigen Wochen hat auch Volker Jacobsen einen Sohn. Von April an werden die Artemis-Streicher wieder für sechs Monate pausieren, so sehr beflügelt haben sie sich nach ihrem ersten "Sabbatical" gefühlt.
Routine jedenfalls wird bei ihnen so rasch nicht einkehren. Das merken die Hörer auch nach der abendlichen Präzisionsleistung, im Foyer beim Platten-Signieren. Fröhlich drängeln sich die Musiker hinter einem Tischchen und strahlen solche Begeisterung aus, dass niemand glaubte, vier gestandene Musikhochschul-Professoren vor sich zu haben.
"Etwas Grundstudentisches" hätten sie immer noch an sich, bestätigt Heime Müller. Allerdings: Unterricht geben er und seine Partner dann doch lieber getrennt. "Sonst", meint Eckart Runge lachend, "würden wir wohl noch vor unseren Schülern diskutieren."
Von Johannes Saltzwedel
Lange galt das Artemis Quartett als Geheimtipp. Nun überraschen die vier Berliner mit unerhörtem Beethoven-Sound - und rücken so zur Weltspitze der Streichquartette auf.
Täuschender könnte es kaum anfangen: volle, getragene Akkorde, wehmütig, etwas unschlüssig. Noch eine winzige Klangfigur. Aber dann prescht es los, nervös und drängend. Harte Schnitte, Kontraste zum Zusammenzucken: Genau das muss Beethoven mit dem Finale seines "Quartetto serioso" gemeint haben. Doch wann ist es schon so dramatisch zu hören?
Ein Kenner starrt lauernd in die Noten, auf der Empore beugen sich zwei asiatische Musikstudentinnen ahnungsvoll vor - ja, jetzt: Urplötzlich scheinen die vier Streicher auf Zeitraffer umgeschaltet zu haben. Leise huschende Melodiebögen in Höchstgeschwindigkeit beenden in wenigen Sekunden das Wechselbad der Gefühle.
Typisch Artemis Quartett: Wenn Natalia Prischepenko, Heime Müller, Volker Jacobsen und Eckart Runge loslegen, schaffen es die vier mühelos, den riesigen Saal der Berliner Philharmonie in atemlos gespannte Stille zu versetzen, wie Hochseil-Akrobaten kurz vor dem dreifachen Salto.
"Wir wollen die Gänsehaut", sagt Eckart Runge, der Cellist. "Volles Risiko" heißt die Devise. Selbst abgebrühte Kritiker sind vom Klang-Einsatz überwältigt. "Schockartig" und "mitreißend" in ihrer "Aggressivität", kurz: "kompromisslos radikal", so schrieb mit verblüfftem Respekt die "Süddeutsche Zeitung", holten die Artemis-Musiker Beethoven in die Gegenwart. Und nicht nur ihn. Von Schuberts melodiös getarntem Schauder bis zu den schrillen, mathematisch durchkalkulierten Tongefechten eines György Ligeti scheint unter ihrem Bogenstrich jedes Werk plötzlich wie in Großaufnahme dazustehen.
Ähnliches erleben die Berliner nun auch an sich selbst. Gerade sind die ersten zwei von zehn CDs bei Virgin Classics erschienen, auf denen das Artemis Quartett in den kommenden fünf Jahren seine Finessen zeigen kann. "Total antizyklisch" sei dieser Auftritt, meint Runge bescheiden, aber strahlend. Überall sonst wird im Klassiksektor gespart; oft genug müssen sich sogar Spitzensolisten von einer Aufnahmechance zur nächsten durchbeißen. Da ist ein Exklusivvertrag wie dieser in der Branche schon eine kleine Sensation.
Stars vom Reißbrett des Marketings wie der chinesische Tastenakrobat Lang Lang oder gar Anna Netrebko, Sopran-pa mit Pin-up-Figur, können die vier zwar nicht werden. Aber das wollen sie auch nicht, wie ihre bisherige Karriere beweist. Selten haben Musiker ihr gemeinsames Ziel so behutsam und akribisch angesteuert.
Bloß der Anfang kam völlig spontan: 1989, bei einem Meisterkurs an der Lübecker Musikhochschule. Walter Levin, Primarius des legendären LaSalle-Quartetts, bot Expertenrat für Ensemble-Einsteiger an. Auf einmal mussten die kaum miteinander bekannten jungen Leute sich einen Namen ausdenken. "Artemis" klang einfach gut. Dass die Jagdgöttin der Griechen ihren Bogen als Waffe führt, war in diesem Moment völlig egal.
Levin brachte sie dazu, aus Partituren zu spielen statt aus den Einzelstimmen, damit sie "aufeinander hören" lernten - und plötzlich wurde klar, welch grundverschiedene Temperamente sie waren. Natalia Prischepenko, geboren im russischen Kohlenpott von Kusnezk, kommt aus der Schule des sagenumwobenen Teufelsgeiger-Machers Zachar Bron. Ihr Kollege an der Violine, der fröhliche blonde Analytiker Heime Müller aus Hamburg, komponiert und arrangiert gern selbst. Der Bratscher Volker Jacobsen ist ein langer, bedächtiger Hannoveraner. Und Eckart Runge am Cello, ein vielsprachiger Diplomatensohn, wirbt und rackert für Grenzgänge wie Jazz, Tango oder Filmmusik.
"Dass das Ensemble lange bestehen bleibt, will man kaum glauben", schrieb noch 1996 ein überschlauer Kritiker, der fatale "Zentrifugalkräfte" im Spiel der Viererbande erlauscht haben wollte. Ja, es habe manchen Streit gegeben, gesteht Runge. Aber dabei habe die demokratisch organisierte Berufsehe zu viert nur gewonnen. Strittige Spielnuancen schicken sie heute einfach in den Praxistest, an zwei Konzertabenden.
Der Sieg in gleich zwei der renommiertesten Wettbewerbe der Welt, des ARD-Musikwettbewerbs (1996) und des italienischen Premio Borciani (1997), bewies, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Andere hätten den Erfolg möglichst rasch ausgemünzt. Die vier hingegen taten etwas Unerhörtes: Sie gingen nochmals in die Lehre, anderthalb Jahre in Wien beim peniblen Alban Berg Quartett. Vom Emerson String Quartet aus den USA guckten sie ab, die Geiger an Platz eins und zwei wechseln zu lassen. Zu guter Letzt folgten drei Monate Übeklausur am Berliner Wissenschaftskolleg mit ihrem Gründungspaten Walter Levin.
Rund um die Welt sind sie seither unterwegs, von Haydn bis Bartók und weiter in die Gegenwart beherrschen sie das Repertoire. Auch Stücke faszinierender Randfiguren wie die des "spanischen Mozart" Arriaga, des Operngiganten Verdi oder des komponierenden Pianisten Eduard Erdmann haben sie schon gemeistert. Vor der Kamera des Glenn-Gould-Filmers Bruno Monsaigneon haben sie Beethovens revolutionäre "Große Fuge" gespielt. Nur Plattenaufnahmen sind rar geblieben. Ihr Perfektionismus, der sie einst zurück ins Trainingslager trieb, ließ sie bislang auch vor Mikrofonen jeden Kompromiss scheuen.
Darum ist die neue Reihe im Programm von Virgin, einer Tochter der Weltfirma EMI, für die Berliner Ton-Tüftler nun ein besonders großer Schritt voran, und das zu einer Zeit, da in der Zunft fatales Gedränge herrscht: Belcea Quartet, Fauré-Quartett, Henschel Quartett, Kuss-Quartett, Minguet Quartett, Petersen Quartett, Rosamunde Quartett, Vogler Quartett - mit oder ohne Bindestrich, gut sind sie alle. Aber wenn es ums Letzte, Äußerste geht, eben doch nicht ganz so perfekt, so kompromisslos, so quicklebendig wie die Artemis-Leute.
"Wir haben völlige Gestaltungsfreiheit, ganz wie früher", berichtet Eckart Runge stolz über das Plattenprojekt. Mit Beethovens Opus 95 und Opus 59 Nr. 1, dazu der Neuauflage einer vielbeachteten Ligeti-Aufnahme der Firma Ars Musici, geht es jetzt los. Alles Weitere wird sich zeigen. Druck machen sie sich höchstens selbst, zum Beispiel mit der Idee, bis 2010 alle Beethoven-Quartette einzuspielen.
Wer könnte auch garantieren, ob ihr auf fast drei Jahre ausgebuchter Terminplan zu halten ist? Als Natalia Prischepenko ein Kind bekam, gab es natürlich Baby-Auszeit; seit wenigen Wochen hat auch Volker Jacobsen einen Sohn. Von April an werden die Artemis-Streicher wieder für sechs Monate pausieren, so sehr beflügelt haben sie sich nach ihrem ersten "Sabbatical" gefühlt.
Routine jedenfalls wird bei ihnen so rasch nicht einkehren. Das merken die Hörer auch nach der abendlichen Präzisionsleistung, im Foyer beim Platten-Signieren. Fröhlich drängeln sich die Musiker hinter einem Tischchen und strahlen solche Begeisterung aus, dass niemand glaubte, vier gestandene Musikhochschul-Professoren vor sich zu haben.
"Etwas Grundstudentisches" hätten sie immer noch an sich, bestätigt Heime Müller. Allerdings: Unterricht geben er und seine Partner dann doch lieber getrennt. "Sonst", meint Eckart Runge lachend, "würden wir wohl noch vor unseren Schülern diskutieren."
09.12.2005 - Full Sound - Das Artemis-Quartett spielte in Basel
SIGFRIED SCHIBLI
Seit 1989 existiert es, seit 1994 spielt es in der aktuellen Besetzung. Das Berliner Artemis-Quartett setzte in seinem Rezital Massstäbe.
Die Kammer, die sich da am Dienstag bei der Basler Gesellschaft für Kammermusik öffnete, war ganz schön geräumig. Das Erste, was am Spiel des Berliner Artemis-Quartetts auffiel, war sein grosser, sinnlicher, sinfonischer Klang, der nichts Intimes, nichts Überfeinertes hat. Mit kräftiger Stimme führte das Cello in Mozarts B-Dur-Quartett KV 589 das Wort, die Primgeige modellierte ihre wie gestossen wirkenden, niemals ineinander fliessenden Töne mit viel Kraft und Intensität.
Mit Verve stürzten sich die vier in die Piano-Forte-Kontraste dieses Werks, geradezu explosiv klangen ihre Tonleitern, die sie in das federnde Finale platzen Hessen. Auch in Schuberts "Rosa-munde-Quartett" nach der Pause herrschte ein sinfonisch-dramatischer Zug, gab es dieses cellistische Aufbäumen und Zurücksinken, diese Schärfe des Quartettklangs und am Ende eine Unentrinnbarkeit des Ausdrucks, die einen fesselte.
TRAUMA.
Den stärksten Eindruck aber hinterliessen Natascha Pri-schepenko und Heime Müller (Violinen), Volker Jacobsen (Bratsche) und Eckart Runge (Violoncello) in György Ligetis erstem Streichquartett aus dem Jahr 1953. Der Untertitel «Metamorphoses nocturnes» wirkte da nicht als Freipass für schwärmerische Abendstimmung, schon eher hatte man es mit nächtlichen Spukgeschichten einer schwarzen Romantik zu tun. Die kapriziösen Stellen dieses von unerhört reicher Klangfantasie geprägten Werks kamen stark und breit gestrichen, das Vierton-Motto kehrte wie ein unbewältigtes Trauma wieder. Den ganzen Schlussteil nach dem fiktiven Walzer brachten die vier unter einen einzigen Spannungsbogen. Man soll bekanntlich vorsichtig sein mit Superlativen. Aber grosse Quartettkunst ohne Wenn und Aber war das allemal.
SIGFRIED SCHIBLI
Seit 1989 existiert es, seit 1994 spielt es in der aktuellen Besetzung. Das Berliner Artemis-Quartett setzte in seinem Rezital Massstäbe.
Die Kammer, die sich da am Dienstag bei der Basler Gesellschaft für Kammermusik öffnete, war ganz schön geräumig. Das Erste, was am Spiel des Berliner Artemis-Quartetts auffiel, war sein grosser, sinnlicher, sinfonischer Klang, der nichts Intimes, nichts Überfeinertes hat. Mit kräftiger Stimme führte das Cello in Mozarts B-Dur-Quartett KV 589 das Wort, die Primgeige modellierte ihre wie gestossen wirkenden, niemals ineinander fliessenden Töne mit viel Kraft und Intensität.
Mit Verve stürzten sich die vier in die Piano-Forte-Kontraste dieses Werks, geradezu explosiv klangen ihre Tonleitern, die sie in das federnde Finale platzen Hessen. Auch in Schuberts "Rosa-munde-Quartett" nach der Pause herrschte ein sinfonisch-dramatischer Zug, gab es dieses cellistische Aufbäumen und Zurücksinken, diese Schärfe des Quartettklangs und am Ende eine Unentrinnbarkeit des Ausdrucks, die einen fesselte.
TRAUMA.
Den stärksten Eindruck aber hinterliessen Natascha Pri-schepenko und Heime Müller (Violinen), Volker Jacobsen (Bratsche) und Eckart Runge (Violoncello) in György Ligetis erstem Streichquartett aus dem Jahr 1953. Der Untertitel «Metamorphoses nocturnes» wirkte da nicht als Freipass für schwärmerische Abendstimmung, schon eher hatte man es mit nächtlichen Spukgeschichten einer schwarzen Romantik zu tun. Die kapriziösen Stellen dieses von unerhört reicher Klangfantasie geprägten Werks kamen stark und breit gestrichen, das Vierton-Motto kehrte wie ein unbewältigtes Trauma wieder. Den ganzen Schlussteil nach dem fiktiven Walzer brachten die vier unter einen einzigen Spannungsbogen. Man soll bekanntlich vorsichtig sein mit Superlativen. Aber grosse Quartettkunst ohne Wenn und Aber war das allemal.
30.11.2005 - Música de cámara de marca mayor
Juan Krakenberger
Madrid, 30.11.2005. Auditorio Nacional. Sala de Cámara. Cuarteto Artemis (Natalia Prischepenko y Heime Müller, violines, Volker Jacobsen, viola y Eckart Runge, violoncello). Wolfgang Amadé Mozart: Cuarteto en mi bemol mayor K 171, Cuarteto en sol mayor K 156, y Cuarteto en si bemol . mayor K 589 'Prusiano II'. Gyorgy Ligeti: Cuarteto N°2. XIV Liceo de Cámara. Ciclo 'Mozart, siempre Mozart'. Aforo: 98%
De nuevo nos visita el Cuarteto Artemis, el conjunto alemán formado hace algo más de tres lustros, y que actualmente es considerado el más prestigioso de su especialidad en Alemania. Cada vez que vienen tocan mejor, lo que significa que asumen mayores riesgos, saliendo además airosos de la tarea. Como casi todos los cuartetos jóvenes modernos, los dos violinistas se alternan en el liderazgo del grupo, y esto funciona a la perfección.
El programa fue muy cuidadosamente elegido: dos de los cuartetos de juventud de Mozart y uno de la madurez, y arropado por estas músicas tan bellas, el Segundo Cuarteto de Gyorgy Ligeti.
El concierto se inició con el Cuarteto en mi bemol mayor, de la serie de seis cuartetos que se suelen llamar "vieneses". Ya desde los primeros compases, un 'Adagio' en unísono pausado y grave, pudo apreciarse el sonido pulcro e uniforme que estos músicos saben producir, que se tornó ágil y transparente en el 'Allegro assai' introducido por aquel. Luego del chispeante 'Menuetto y Trío', un 'Andante' hermoso, en el cual hay algunos pasajes de octavas unísonas entre los dos violines, que sonaron preciosos al subordinarse la voz superior a la inferior, tal como debe ser. En lo tocante al 'Allegro assai' final en 3/8, exuberante de humor, puede uno disentir en cuanto al concepto: para mí, se trata de una pieza rebosante de buen humor juvenil. Para los músicos que nos visitan, los acordes en el centro de la primera frase de ocho compases, significan más bien algo dramático e imponente. Y eso marcó la pauta de su versión. No creo que el joven Mozart -tenía 18 años al componer esto- se tomara tan en serio. En definitiva, una cuestión de gustos.
Siguió el Segundo Cuarteto de Ligeti. El violoncelista Eckart Runge, utilizando un micrófono, se dirigió a los oyentes, empezando a pedir disculpas por su defectuoso castellano, que resultó ser perfectamente comprensible, con pequeños errores que se perdonan con placer. Quiso introducir al público al mundo de Ligeti, y particularmente a esta obra, que consta de cinco movimientos -imitando con ello al Beethoven tardío. Runge hizo hincapié en dos aspectos: que no debíamos esperar ni ritmos ni melodías, y lo dijo con tal gracia que los presentes le celebraron su buen humor. Con breves ejemplos tocados por el cuarteto, nos introdujo a cuatro de los cinco movimientos, explicando las características de cada uno de ellos, como, por ejemplo, la exploración del sonido de una única nota, la variación apenas perceptible de un ritmo, y la yuxtaposición de sonido etéreo con sonido brutal (según Ligeti, la brutalidad se debe medir en términos de cerdas de arco rotas en la ejecución, deporte -según Runge- algo caro).
Así, debidamente aleccionados, asistimos a una versión magistral de esta fascinante obra, de difícil ejecución. El primer vlolín, en esta ocasión Heime Müller, tocaba de una partitura, controlando así que todo estaría en su sitio. Si consideramos que este cuarteto fue compuesto en 1968, cuando aún no era común utilizar un lenguaje tan moderno, se rinde uno cuenta de cuánto debe la música
Juan Krakenberger
Madrid, 30.11.2005. Auditorio Nacional. Sala de Cámara. Cuarteto Artemis (Natalia Prischepenko y Heime Müller, violines, Volker Jacobsen, viola y Eckart Runge, violoncello). Wolfgang Amadé Mozart: Cuarteto en mi bemol mayor K 171, Cuarteto en sol mayor K 156, y Cuarteto en si bemol . mayor K 589 'Prusiano II'. Gyorgy Ligeti: Cuarteto N°2. XIV Liceo de Cámara. Ciclo 'Mozart, siempre Mozart'. Aforo: 98%
De nuevo nos visita el Cuarteto Artemis, el conjunto alemán formado hace algo más de tres lustros, y que actualmente es considerado el más prestigioso de su especialidad en Alemania. Cada vez que vienen tocan mejor, lo que significa que asumen mayores riesgos, saliendo además airosos de la tarea. Como casi todos los cuartetos jóvenes modernos, los dos violinistas se alternan en el liderazgo del grupo, y esto funciona a la perfección.
El programa fue muy cuidadosamente elegido: dos de los cuartetos de juventud de Mozart y uno de la madurez, y arropado por estas músicas tan bellas, el Segundo Cuarteto de Gyorgy Ligeti.
El concierto se inició con el Cuarteto en mi bemol mayor, de la serie de seis cuartetos que se suelen llamar "vieneses". Ya desde los primeros compases, un 'Adagio' en unísono pausado y grave, pudo apreciarse el sonido pulcro e uniforme que estos músicos saben producir, que se tornó ágil y transparente en el 'Allegro assai' introducido por aquel. Luego del chispeante 'Menuetto y Trío', un 'Andante' hermoso, en el cual hay algunos pasajes de octavas unísonas entre los dos violines, que sonaron preciosos al subordinarse la voz superior a la inferior, tal como debe ser. En lo tocante al 'Allegro assai' final en 3/8, exuberante de humor, puede uno disentir en cuanto al concepto: para mí, se trata de una pieza rebosante de buen humor juvenil. Para los músicos que nos visitan, los acordes en el centro de la primera frase de ocho compases, significan más bien algo dramático e imponente. Y eso marcó la pauta de su versión. No creo que el joven Mozart -tenía 18 años al componer esto- se tomara tan en serio. En definitiva, una cuestión de gustos.
Siguió el Segundo Cuarteto de Ligeti. El violoncelista Eckart Runge, utilizando un micrófono, se dirigió a los oyentes, empezando a pedir disculpas por su defectuoso castellano, que resultó ser perfectamente comprensible, con pequeños errores que se perdonan con placer. Quiso introducir al público al mundo de Ligeti, y particularmente a esta obra, que consta de cinco movimientos -imitando con ello al Beethoven tardío. Runge hizo hincapié en dos aspectos: que no debíamos esperar ni ritmos ni melodías, y lo dijo con tal gracia que los presentes le celebraron su buen humor. Con breves ejemplos tocados por el cuarteto, nos introdujo a cuatro de los cinco movimientos, explicando las características de cada uno de ellos, como, por ejemplo, la exploración del sonido de una única nota, la variación apenas perceptible de un ritmo, y la yuxtaposición de sonido etéreo con sonido brutal (según Ligeti, la brutalidad se debe medir en términos de cerdas de arco rotas en la ejecución, deporte -según Runge- algo caro).
Así, debidamente aleccionados, asistimos a una versión magistral de esta fascinante obra, de difícil ejecución. El primer vlolín, en esta ocasión Heime Müller, tocaba de una partitura, controlando así que todo estaría en su sitio. Si consideramos que este cuarteto fue compuesto en 1968, cuando aún no era común utilizar un lenguaje tan moderno, se rinde uno cuenta de cuánto debe la música
05.11.2005 - Raketen
Das famose Artemis-Quartett spielt Beethoven und Ligeti
ULRICH SCHREIBER
Walter Levin, Primgeiger des legendären LaSalle-Quartetts, hielt 1989 an der Lübecker Musikhochschule einen Kursus über die Interpretation der spaten Streichquartette Ludwig van Beethovens. Unter diesem Eindruck entschlossen sich vier Studenten zur Erarbeitung des Repertoires in regelmäßigem Zusammenspiel. Daraus entstand fünf Jahre später das in der heutigen Besetzung spielende Artemis-Quartett. Als es 1996 den Münchener ARD-Wettbewerb gewann und seine erste Compactdisc mit Kompositionen von Hugo Wolf, Alexander Zemlinsky, Alban Berg und Anton Webern herausbrachte (Ars Musici AMP 5076), machte es seinem mythisierenden Namen alle Ehre: Zwar nicht wie Athene in voller Rüstung dem Kopf des Zeus entsprungen, aber doch schon erstaunlich entwickelt, und zwar in der Tradition des LaSalle-Quartetts.
Seitdem hat sich das Ensemble, unterbrochen nur durch zwei halbjährige Babypausen für die Geigerin Natalia Prischepenko, in die Weltklasse gespielt. Neben anderen Auszeichnungen erhielt es Schallplattenpreise in Deutschland und Frankreich. Erster Anlaß dazu war die 1999 entstandene Aufnahme der Beethovenschen Streichquartette C-Dur op. 59 Nr. 3 und a-Moll op. 132. Tatsächlich weist die Wiedergabe beider Werke klangfarblich und dynamisch Hochspannungszustände auf. Man hört - auch im Verdischen Quartett und dem Opus 51 Nr. 2 von Brahms (Ars Musici AM 1297) - eine Beeinflussung durch Streichquartettformationen, die Rudolf Kolischs epochale Untersuchung über den Zusammenhang von (oft überraschend schnell notiertem) Tempo und Charakter in der Musik Beethovens ernst genommen haben: Außer LaSalle waren dies das Juilliard und das Alban Berg Quartett sowie die Emersons, wobei die Artemis-Musiker mit letzteren die Praxis teilen, daß Prischepenko und Heime Müller demokratisch zwischen erstem und zweitem Geigenpult abwechseln.
Neben die strukturbetonende Schlankheit der musikalischen Bewegungsabläufe, die sich nie romantisierend zu sogenannt schönen Stellen verdicken, tritt die Nutzung von Spieltechniken aus der Original-klangbewegung. So wird die Schwingungsintensität gelegentlich (etwa in dem „Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit" in op. 132) bis gegen Null gefahren, so daß die nahe am Steg produzierten Töne klingen, als würden alte Instrumenten mit Darmsaiten gespielt. Um so wirkungsvoller die Ausbrüche aus solchen Momenten einer fast unsinnlichen Fahlheit; aber selbst im rasant gespielten Finale von op. 59 Nr. 3 bleibt die Artikulation im Detail makellos. Quartettspiel dieses Formats besitzt Sonderrang.
Das gilt auch für zeitgenössische Musik, wie die 2000 entstandene Aufnahme der beiden Streichquartette von György Ligeti beweist. Hier nutzt das Artemis-Quartett die Möglichkeiten dynamischer und klang-farblicher Differenzierung in größter Bandbreite. So etwa im „Presto furioso, brutale tumultuoso",in dem vorlezten Satz des zweiten Quartetts aus dem Jahr 1968, in dem das junge Ensemble die konkurrierenden drei Einspielungen der Avantgarde-Spezialisten des britischen Arditti-Quartetts wahrlich nicht zu fürchten braucht. Aber auch die nachromantischen Anklänge in den „Metamorphoses nocturnes" des im Jahre 1954 entstandenen ersten Quartetts gelingen eindringlichst.
Die Anerkennung seiner Qualitäten führte das Ensemble auf breitere Ruhmesstraßen, etwa bei einem 2004 begonnenen, eigenen Konzertzyklus, den es in die Berliner Philharmonie verlegte. Und kürzlich nahm nun die britische Traditionsfirma EMI Classics das Artemis-Quartett für ihr Label Virgin exklusiv unter Vertrag. Das mag zwar für dessen Diskus-Entdecker, das Freiburger Musik Forum (mit seinem Etikett „Ars Musici") bitter sein, aber in Zeiten eines erodierenden Klassik-Marktes kann die Globalisierung eine gewisse Konstanz garantieren. So hat Virgin nun die beiden Ligeti-Quartette wiederveröffentlicht und kündigt die Neuauflage auch der Beethoven-Aufnahmen des Quartetts an.
Hinzu kommt als erste Neueinspielung eine weitere Beethoven-Platte mit den Quartetten op. 59 Nr. 1 und op. 95. Sie bestätigt bei optimaler Klangtechnik den Rang des Ensembles. Die implosiv geballte Sonatensatzform im Kopfsatz des „Se-rioso"-Quartetts op. 95 dürfte schallplattengeschichtlich kaum jemals spannender und detailgenauer musiziert worden sein. Und die Wiederholungsteile im Scherzo, wo Bratscher Volker Jacobsen seine kontrapunktischen Einwürfe wie Raketen zünden läßt, werden trotz hohen Spieltempos als Durchführungen früheren Materials kenntlich.
Das Fugato, in welches die Durchführung im Kopfsatz des ersten Rasumow-sky-Quartetts op. 59 Nr. 1 einmündet, macht schlagartig hörbar, daß es unter der Oberfläche von Diatonik und Terzenharmonien in diesem Satz brodelt. Das vom Cellisten Eckart Runge ungewohnt schlank und zügig angegangene Kopfthema des Satzes weckte schon zu Beginn diesen Verdacht. Andererseits begreift man, wenn das melancholische Adagio fast vibratolos intoniert wird, eine irritierende Äußerung Adornos, der meinte, solche Musik vermittle mehr vom utopischen Humanitätspotential des deutschen Idealismus als die vom Sprachrauschen bedrohte Versfassung der Goetheschen „Iphigenie".
Das famose Artemis-Quartett spielt Beethoven und Ligeti
ULRICH SCHREIBER
Walter Levin, Primgeiger des legendären LaSalle-Quartetts, hielt 1989 an der Lübecker Musikhochschule einen Kursus über die Interpretation der spaten Streichquartette Ludwig van Beethovens. Unter diesem Eindruck entschlossen sich vier Studenten zur Erarbeitung des Repertoires in regelmäßigem Zusammenspiel. Daraus entstand fünf Jahre später das in der heutigen Besetzung spielende Artemis-Quartett. Als es 1996 den Münchener ARD-Wettbewerb gewann und seine erste Compactdisc mit Kompositionen von Hugo Wolf, Alexander Zemlinsky, Alban Berg und Anton Webern herausbrachte (Ars Musici AMP 5076), machte es seinem mythisierenden Namen alle Ehre: Zwar nicht wie Athene in voller Rüstung dem Kopf des Zeus entsprungen, aber doch schon erstaunlich entwickelt, und zwar in der Tradition des LaSalle-Quartetts.
Seitdem hat sich das Ensemble, unterbrochen nur durch zwei halbjährige Babypausen für die Geigerin Natalia Prischepenko, in die Weltklasse gespielt. Neben anderen Auszeichnungen erhielt es Schallplattenpreise in Deutschland und Frankreich. Erster Anlaß dazu war die 1999 entstandene Aufnahme der Beethovenschen Streichquartette C-Dur op. 59 Nr. 3 und a-Moll op. 132. Tatsächlich weist die Wiedergabe beider Werke klangfarblich und dynamisch Hochspannungszustände auf. Man hört - auch im Verdischen Quartett und dem Opus 51 Nr. 2 von Brahms (Ars Musici AM 1297) - eine Beeinflussung durch Streichquartettformationen, die Rudolf Kolischs epochale Untersuchung über den Zusammenhang von (oft überraschend schnell notiertem) Tempo und Charakter in der Musik Beethovens ernst genommen haben: Außer LaSalle waren dies das Juilliard und das Alban Berg Quartett sowie die Emersons, wobei die Artemis-Musiker mit letzteren die Praxis teilen, daß Prischepenko und Heime Müller demokratisch zwischen erstem und zweitem Geigenpult abwechseln.
Neben die strukturbetonende Schlankheit der musikalischen Bewegungsabläufe, die sich nie romantisierend zu sogenannt schönen Stellen verdicken, tritt die Nutzung von Spieltechniken aus der Original-klangbewegung. So wird die Schwingungsintensität gelegentlich (etwa in dem „Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit" in op. 132) bis gegen Null gefahren, so daß die nahe am Steg produzierten Töne klingen, als würden alte Instrumenten mit Darmsaiten gespielt. Um so wirkungsvoller die Ausbrüche aus solchen Momenten einer fast unsinnlichen Fahlheit; aber selbst im rasant gespielten Finale von op. 59 Nr. 3 bleibt die Artikulation im Detail makellos. Quartettspiel dieses Formats besitzt Sonderrang.
Das gilt auch für zeitgenössische Musik, wie die 2000 entstandene Aufnahme der beiden Streichquartette von György Ligeti beweist. Hier nutzt das Artemis-Quartett die Möglichkeiten dynamischer und klang-farblicher Differenzierung in größter Bandbreite. So etwa im „Presto furioso, brutale tumultuoso",in dem vorlezten Satz des zweiten Quartetts aus dem Jahr 1968, in dem das junge Ensemble die konkurrierenden drei Einspielungen der Avantgarde-Spezialisten des britischen Arditti-Quartetts wahrlich nicht zu fürchten braucht. Aber auch die nachromantischen Anklänge in den „Metamorphoses nocturnes" des im Jahre 1954 entstandenen ersten Quartetts gelingen eindringlichst.
Die Anerkennung seiner Qualitäten führte das Ensemble auf breitere Ruhmesstraßen, etwa bei einem 2004 begonnenen, eigenen Konzertzyklus, den es in die Berliner Philharmonie verlegte. Und kürzlich nahm nun die britische Traditionsfirma EMI Classics das Artemis-Quartett für ihr Label Virgin exklusiv unter Vertrag. Das mag zwar für dessen Diskus-Entdecker, das Freiburger Musik Forum (mit seinem Etikett „Ars Musici") bitter sein, aber in Zeiten eines erodierenden Klassik-Marktes kann die Globalisierung eine gewisse Konstanz garantieren. So hat Virgin nun die beiden Ligeti-Quartette wiederveröffentlicht und kündigt die Neuauflage auch der Beethoven-Aufnahmen des Quartetts an.
Hinzu kommt als erste Neueinspielung eine weitere Beethoven-Platte mit den Quartetten op. 59 Nr. 1 und op. 95. Sie bestätigt bei optimaler Klangtechnik den Rang des Ensembles. Die implosiv geballte Sonatensatzform im Kopfsatz des „Se-rioso"-Quartetts op. 95 dürfte schallplattengeschichtlich kaum jemals spannender und detailgenauer musiziert worden sein. Und die Wiederholungsteile im Scherzo, wo Bratscher Volker Jacobsen seine kontrapunktischen Einwürfe wie Raketen zünden läßt, werden trotz hohen Spieltempos als Durchführungen früheren Materials kenntlich.
Das Fugato, in welches die Durchführung im Kopfsatz des ersten Rasumow-sky-Quartetts op. 59 Nr. 1 einmündet, macht schlagartig hörbar, daß es unter der Oberfläche von Diatonik und Terzenharmonien in diesem Satz brodelt. Das vom Cellisten Eckart Runge ungewohnt schlank und zügig angegangene Kopfthema des Satzes weckte schon zu Beginn diesen Verdacht. Andererseits begreift man, wenn das melancholische Adagio fast vibratolos intoniert wird, eine irritierende Äußerung Adornos, der meinte, solche Musik vermittle mehr vom utopischen Humanitätspotential des deutschen Idealismus als die vom Sprachrauschen bedrohte Versfassung der Goetheschen „Iphigenie".
27.10.2005 - Traditionslos und radikal
Von Peter Uehling
Das Artemis-Quartett spielte Schubert in der Philharmonie. Es ist das beste Streichquartett seiner Generation
Zunächst zwei Takte Begleitung, in Bratsche und Cello ein liegender Akkord, den es in regelmäßigen Abständen schüttelt, darüber in der zweiten Geige eine ruhig webende Figur. Dann setzt in der ersten Geige die Melodie ein, wie die Gesangsstimme eines Liedes. So leise aber flicht Natalia Prishchepenko vom Artemis-Quartett diese Melodie in den Klangfluss, dass sie nicht als der erwartete Angelpunkt der Musik erscheint, sondern nur als oberer Rand einer klanglichen Erscheinung, der dem ungemessenen Klang ein wenig zeitliche Fassung gibt. Wie ungemein genau ist das beobachtet, denn tatsächlich ist diese Melodie eng mit der Begleitung verbunden. Nicht nur zeichnet ihre erste absteigende Geste den liegenden Akkord der tiefen Streicher nach, auch die Bewegungen der Melodie erfolgen fast immer im Rhythmus dieser unteren Schicht.
So wird dieser Anfang von Schuberts a-Moll-Quartett zum Modellfall für die Dialektik musikalischen Fortschritts. Kontraste entstehen in dieser Musik nicht mehr zwischen den Themen, wie es die schulmäßige Form verlangt, sondern zwischen dem fließenden Klang der thematischen und dem aufgerissenen Klang der überleitenden Partien. Und so ist es ein erregender Moment, wenn das Artemis-Quartett nach der Regelmäßigkeit dieses Beginns bereits im dritten Takt der Überleitung das Regelmaß so zart wie bestimmt zerbrechen lässt: Die Figuration der ersten Geige verschwindet in der Höhe, und sofort ist der Fortgang der Musik, der sich eben noch beinah willenlos vollzog, von Entschluss und Absicht abhängig.
All das kann man eigentlich der Partitur entnehmen. Man fragt sich nur, warum es so selten hörbar wird. Das Artemis-Quartett ist, unter den vielen vor allem schön klingenden Quartetten seiner Generation, einzigartig. Unter den gegenwärtig auftretenden Quartetten sind es vielleicht nur noch das Alban-Berg- und das Emerson-Quartett, die in der Lage sind, strukturelle und expressive Aspekte einer Partitur derart eng aufeinander zu beziehen. Insofern erscheint das Artemis-Quartett als legitimer Nachfolger dieser großen Formationen - und doch ist etwas anders. Der Radikalität, mit der die Musiker des Artemis-Quartetts die Partituren lesen, eignet etwas im besten Sinne Traditionsloses.
Der Wille zum Neuen und Anderen bewährte sich in der Interpretation von Schuberts Streichquintett mit David Geringas am zweiten Cello noch beeindruckender. Der zweite Thema des Kopfsatzes, das Adagio sind zu Mythen des neuen Schubert-Bildes geworden, zum Mythos jener vom Beethoven'schen Zwang zur Prozessualität befreiten Musik, deren Qualität erst in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts wirklich verstanden wurde. Einerseits geht das Artemis-Quartett gegen diesen Mythos an, wenn es die gedehnte Akkordfolge der Mittelstimmen im Adagio nachdrücklich als Linie mit ausdrucksvollen Höhepunkten spielt, statt als zeitentrücktes Harmonieleuchten. Andererseits macht es mit diesem Mythos ernst, wenn es im zweiten Thema des Kopfsatzes alles melodische Schwelgen zum flüchtigen Ornament ihres stetig umgefärbten Zentraltones erklärt und mit starkem Vibrato dieses hier wiederum hervorgehobene Harmonieleuchten zu bebendem Leben erweckt. Seine Strahlkraft erhält dieser Moment aber auch von seiner Umgebung, die das Artemis-Quartett nicht mit der üblichen rhythmischen Verschwommenheit artikuliert, sondern überaus aktiv - damit rückt der oft übermäßig elegisch gespielte Satz erstaunlich eng an den dramatischen Verlauf des Kopfsatzes des G-Dur-Quartetts heran.
Freilich hat dieses zuweilen aggressive, aber immer konsequente Anspielen gegen die Tradition auch seine blinden Flecken. Das Adagio scheint in dieser Lesart zwar anders, aber nicht unbedingt reicher an Bedeutung, ebenso beseitigt die strikt rhythmische Darstellung zu Beginn des Kopfsatzes die beabsichtigte Unsicherheit darüber, ob das Stück mit dem Hauptsatz oder einer langsamen Einleitung beginnt. Selten jedoch hat man einen Konzertsaal angeregter und erfüllter verlassen, selten werden Künstler ihrem Ruf, der am Montag fast so viele Menschen in den Kammermusiksaal lockte, wie er fasst, mit derartigem Überschuss gerecht.
Von Peter Uehling
Das Artemis-Quartett spielte Schubert in der Philharmonie. Es ist das beste Streichquartett seiner Generation
Zunächst zwei Takte Begleitung, in Bratsche und Cello ein liegender Akkord, den es in regelmäßigen Abständen schüttelt, darüber in der zweiten Geige eine ruhig webende Figur. Dann setzt in der ersten Geige die Melodie ein, wie die Gesangsstimme eines Liedes. So leise aber flicht Natalia Prishchepenko vom Artemis-Quartett diese Melodie in den Klangfluss, dass sie nicht als der erwartete Angelpunkt der Musik erscheint, sondern nur als oberer Rand einer klanglichen Erscheinung, der dem ungemessenen Klang ein wenig zeitliche Fassung gibt. Wie ungemein genau ist das beobachtet, denn tatsächlich ist diese Melodie eng mit der Begleitung verbunden. Nicht nur zeichnet ihre erste absteigende Geste den liegenden Akkord der tiefen Streicher nach, auch die Bewegungen der Melodie erfolgen fast immer im Rhythmus dieser unteren Schicht.
So wird dieser Anfang von Schuberts a-Moll-Quartett zum Modellfall für die Dialektik musikalischen Fortschritts. Kontraste entstehen in dieser Musik nicht mehr zwischen den Themen, wie es die schulmäßige Form verlangt, sondern zwischen dem fließenden Klang der thematischen und dem aufgerissenen Klang der überleitenden Partien. Und so ist es ein erregender Moment, wenn das Artemis-Quartett nach der Regelmäßigkeit dieses Beginns bereits im dritten Takt der Überleitung das Regelmaß so zart wie bestimmt zerbrechen lässt: Die Figuration der ersten Geige verschwindet in der Höhe, und sofort ist der Fortgang der Musik, der sich eben noch beinah willenlos vollzog, von Entschluss und Absicht abhängig.
All das kann man eigentlich der Partitur entnehmen. Man fragt sich nur, warum es so selten hörbar wird. Das Artemis-Quartett ist, unter den vielen vor allem schön klingenden Quartetten seiner Generation, einzigartig. Unter den gegenwärtig auftretenden Quartetten sind es vielleicht nur noch das Alban-Berg- und das Emerson-Quartett, die in der Lage sind, strukturelle und expressive Aspekte einer Partitur derart eng aufeinander zu beziehen. Insofern erscheint das Artemis-Quartett als legitimer Nachfolger dieser großen Formationen - und doch ist etwas anders. Der Radikalität, mit der die Musiker des Artemis-Quartetts die Partituren lesen, eignet etwas im besten Sinne Traditionsloses.
Der Wille zum Neuen und Anderen bewährte sich in der Interpretation von Schuberts Streichquintett mit David Geringas am zweiten Cello noch beeindruckender. Der zweite Thema des Kopfsatzes, das Adagio sind zu Mythen des neuen Schubert-Bildes geworden, zum Mythos jener vom Beethoven'schen Zwang zur Prozessualität befreiten Musik, deren Qualität erst in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts wirklich verstanden wurde. Einerseits geht das Artemis-Quartett gegen diesen Mythos an, wenn es die gedehnte Akkordfolge der Mittelstimmen im Adagio nachdrücklich als Linie mit ausdrucksvollen Höhepunkten spielt, statt als zeitentrücktes Harmonieleuchten. Andererseits macht es mit diesem Mythos ernst, wenn es im zweiten Thema des Kopfsatzes alles melodische Schwelgen zum flüchtigen Ornament ihres stetig umgefärbten Zentraltones erklärt und mit starkem Vibrato dieses hier wiederum hervorgehobene Harmonieleuchten zu bebendem Leben erweckt. Seine Strahlkraft erhält dieser Moment aber auch von seiner Umgebung, die das Artemis-Quartett nicht mit der üblichen rhythmischen Verschwommenheit artikuliert, sondern überaus aktiv - damit rückt der oft übermäßig elegisch gespielte Satz erstaunlich eng an den dramatischen Verlauf des Kopfsatzes des G-Dur-Quartetts heran.
Freilich hat dieses zuweilen aggressive, aber immer konsequente Anspielen gegen die Tradition auch seine blinden Flecken. Das Adagio scheint in dieser Lesart zwar anders, aber nicht unbedingt reicher an Bedeutung, ebenso beseitigt die strikt rhythmische Darstellung zu Beginn des Kopfsatzes die beabsichtigte Unsicherheit darüber, ob das Stück mit dem Hauptsatz oder einer langsamen Einleitung beginnt. Selten jedoch hat man einen Konzertsaal angeregter und erfüllter verlassen, selten werden Künstler ihrem Ruf, der am Montag fast so viele Menschen in den Kammermusiksaal lockte, wie er fasst, mit derartigem Überschuss gerecht.
26.10.2005 - Mut zu großen Schuhen
Das Artemis-Quartett startet auf neuem Label mit Ligeti und Beethoven
Von Marcus Stäbler
Das Artemis-Quartett. 19S9 in Lübeck gegründet, gehört zu den erfolgreichsten Kammermusik-Formationen seiner Generation. Kürzlich ist dem Ensemble ein weiterer Karriereschritt gelungen: Das Label Virgin hat die vier Musiker unter Vertrag genommen, zwei CDs mit Werken von Ligeti und Beethoven veröffentlicht - und die Messlatte ganz schön hoch gelegt. In einer Fressemitteilung hieß es, das Artemis-Quartett trete die Nachfolge des Alban-Berg-Quartetts an. „So ganz glücklich war ich darüber nicht", sagt der Artemis-Bratscher Volker Jacobsen, „aber ich kann die Idee nachvollziehen. Denn das Berg-Quartett existiert zwar trotz des Todes von Thomas Kakuska weiter, wird aber wahrscheinlich keine CDs mehr aufnehmen. Und es waren ja auch wichtige Lehrer für uns. Aber ich glaube, keiner von uns versucht, in die großen Schuhe zu schlüpfen."
Das Artemis-Quartett hat längst eigene Spuren hinterlassen, zum Beispiel mit seiner Interpretation der Ligeti-Streichquartette, die bei Ars Musici erschienen war und nun unter der Virgin-Flagge lauft: „Als wir ein neues Label gesucht haben, sollte es auch um ältere Aufnahmen gehen, die uns besonders wichtig sind. Und der Ligeti hat uns lange begleitet. Er ist uns ans Merz gewachsen, weil wir selbst das Resultat mögen - was ja nicht selbstverständlich ist. Und wir waren sehr glücklich, dass man bei Virgin offen war, Sachen aus der alten Diskografie wieder zu veröffentlichen."
Als Kontrast dazu erscheint eine neu eingespielte Aufnahme von Beethovens mittleren Quartetten op. 59,1 und op. 95. Mit dieser Gegenüberstellung wollen die Musiker "einerseits ihre große stilistische Band-breite demonstrieren und stellen im Vergleich mit der Konkurrenz unter Beweis, warum sie zu Recht zu den herausragenden Erscheinungen der internationalen Kammermusikszene gezählt werden. Mit mikroskopischer Sorgfalt beleuchten sie den fein verästelten Differenzierungsreichtum der Musik, ohne die titanische Wucht der revolutionären Partituren aus dem Sinn zu verlieren.
Der packende Gestus ist nicht zuletzt ein Resultat der originalen, teilweise extremen Beethoven-Tempi, beispielsweise in der Coda des Finales von op. 95: „Wir haben versucht, im Studio in die Nähe des Beethoven-Tempos zu kommen. So schnell könnte man das im Konzertsaal nicht machen."
So atemberaubend wie das Finale von op, 95 sind auch die anderen Sätze geraten. Ein mehr als gelungenes Debüt beim neuen Label und ein viel versprechender Startschuss - denn die Beethoven-CD ist der Anfang einer Gesamteinspielung.
Das Artemis-Quartett startet auf neuem Label mit Ligeti und Beethoven
Von Marcus Stäbler
Das Artemis-Quartett. 19S9 in Lübeck gegründet, gehört zu den erfolgreichsten Kammermusik-Formationen seiner Generation. Kürzlich ist dem Ensemble ein weiterer Karriereschritt gelungen: Das Label Virgin hat die vier Musiker unter Vertrag genommen, zwei CDs mit Werken von Ligeti und Beethoven veröffentlicht - und die Messlatte ganz schön hoch gelegt. In einer Fressemitteilung hieß es, das Artemis-Quartett trete die Nachfolge des Alban-Berg-Quartetts an. „So ganz glücklich war ich darüber nicht", sagt der Artemis-Bratscher Volker Jacobsen, „aber ich kann die Idee nachvollziehen. Denn das Berg-Quartett existiert zwar trotz des Todes von Thomas Kakuska weiter, wird aber wahrscheinlich keine CDs mehr aufnehmen. Und es waren ja auch wichtige Lehrer für uns. Aber ich glaube, keiner von uns versucht, in die großen Schuhe zu schlüpfen."
Das Artemis-Quartett hat längst eigene Spuren hinterlassen, zum Beispiel mit seiner Interpretation der Ligeti-Streichquartette, die bei Ars Musici erschienen war und nun unter der Virgin-Flagge lauft: „Als wir ein neues Label gesucht haben, sollte es auch um ältere Aufnahmen gehen, die uns besonders wichtig sind. Und der Ligeti hat uns lange begleitet. Er ist uns ans Merz gewachsen, weil wir selbst das Resultat mögen - was ja nicht selbstverständlich ist. Und wir waren sehr glücklich, dass man bei Virgin offen war, Sachen aus der alten Diskografie wieder zu veröffentlichen."
Als Kontrast dazu erscheint eine neu eingespielte Aufnahme von Beethovens mittleren Quartetten op. 59,1 und op. 95. Mit dieser Gegenüberstellung wollen die Musiker "einerseits ihre große stilistische Band-breite demonstrieren und stellen im Vergleich mit der Konkurrenz unter Beweis, warum sie zu Recht zu den herausragenden Erscheinungen der internationalen Kammermusikszene gezählt werden. Mit mikroskopischer Sorgfalt beleuchten sie den fein verästelten Differenzierungsreichtum der Musik, ohne die titanische Wucht der revolutionären Partituren aus dem Sinn zu verlieren.
Der packende Gestus ist nicht zuletzt ein Resultat der originalen, teilweise extremen Beethoven-Tempi, beispielsweise in der Coda des Finales von op. 95: „Wir haben versucht, im Studio in die Nähe des Beethoven-Tempos zu kommen. So schnell könnte man das im Konzertsaal nicht machen."
So atemberaubend wie das Finale von op, 95 sind auch die anderen Sätze geraten. Ein mehr als gelungenes Debüt beim neuen Label und ein viel versprechender Startschuss - denn die Beethoven-CD ist der Anfang einer Gesamteinspielung.
01.06.2005 - Wie Quecksilber
Das Artemis-Quartett gab ein schönes Abschiedskonzert im WDR-Funkhaus.
Man soll ja die Pferde nicht scheu machen - und das war auch Bernhard Wallerius' Absicht nicht, als er vor dem letzten Konzert des Artemis-Quartetts und vollen Reihen im WDR-Sendesaal kryptisch von einem neuen Konzept zur Nutzung des weithin als Hort der Kammermusikpflege geschätzten Veranstaltungsortes sprach. Um einen solchen Saal reißen sich halt viele.
Zu hoffen ist jedenfalls, dass uns auch weiterhin so wohltuende Ohrenkitzel beschert werden wie zuletzt eben seitens der "Artemis-Jünger", als sie mit Werken von Haydn (Streichquartett in f-Moll op. 20/5), Berg (op. 3) und Mozart (Streichquintett in C-Dur KV 515) ihren vierteiligen Konzertzyklus außerordentlich erfolgreich abschlössen. Des Jubels war schon vor der Pause eine Menge, und er galt hier wohl zu gleichen Teilen einem sonnig-milden, vor grellem Lichteinfall behüteten Haydn als auch einem aufgewühlt seelenvollen Alban Berg.
Ein Gütesiegel für perfekt ausgehörte Klangbalance hätte die Quartettformation auch an diesem Abend vor allem Eckart Runge (Violoncello) und Volker Jacobson (Viola) zu verdanken, deren Sensibilität für Wert und Geltungsbedürfnis von "Zwischen"- bzw "Untertönen" schon bemerkenswert ist. Mit Heime Müller (zweite Violine) verschmolzen sie zum harten Kern von Haydns Adagio, darüber Natalia Prischepenko leicht versonnen ihre Quasiimprovisationen hinblättern konnte.
Krönender Abschluss
Mozarts Streichquintett bildete dann unbedingt, was man einen krönenden Abschluss nennt. Zur Verstärkung war die amerikanische Bratschistin Barbara Westphal angerückt, die sich gleich am Anfang unauffällig in den federnden Achtelschritt einreihte und ihren Part auch sonst nur zum Vorteil des Ganzen ausführte. Herrlich, weil richtig wie auf Zehenspitzen, intonierte Runge das Hauptthema des ersten Satzes. Wunderbar ergingen sich Jacobson und Prischepenko während des Andante in intimem Zwiegespräch, und durchdrungen vom Schwung des finalen Allegro tanzten die Stimmen am Ende des ersten Themendurchlaufs wie Quecksilberkügelchen.
Das Artemis-Quartett gab ein schönes Abschiedskonzert im WDR-Funkhaus.
Man soll ja die Pferde nicht scheu machen - und das war auch Bernhard Wallerius' Absicht nicht, als er vor dem letzten Konzert des Artemis-Quartetts und vollen Reihen im WDR-Sendesaal kryptisch von einem neuen Konzept zur Nutzung des weithin als Hort der Kammermusikpflege geschätzten Veranstaltungsortes sprach. Um einen solchen Saal reißen sich halt viele.
Zu hoffen ist jedenfalls, dass uns auch weiterhin so wohltuende Ohrenkitzel beschert werden wie zuletzt eben seitens der "Artemis-Jünger", als sie mit Werken von Haydn (Streichquartett in f-Moll op. 20/5), Berg (op. 3) und Mozart (Streichquintett in C-Dur KV 515) ihren vierteiligen Konzertzyklus außerordentlich erfolgreich abschlössen. Des Jubels war schon vor der Pause eine Menge, und er galt hier wohl zu gleichen Teilen einem sonnig-milden, vor grellem Lichteinfall behüteten Haydn als auch einem aufgewühlt seelenvollen Alban Berg.
Ein Gütesiegel für perfekt ausgehörte Klangbalance hätte die Quartettformation auch an diesem Abend vor allem Eckart Runge (Violoncello) und Volker Jacobson (Viola) zu verdanken, deren Sensibilität für Wert und Geltungsbedürfnis von "Zwischen"- bzw "Untertönen" schon bemerkenswert ist. Mit Heime Müller (zweite Violine) verschmolzen sie zum harten Kern von Haydns Adagio, darüber Natalia Prischepenko leicht versonnen ihre Quasiimprovisationen hinblättern konnte.
Krönender Abschluss
Mozarts Streichquintett bildete dann unbedingt, was man einen krönenden Abschluss nennt. Zur Verstärkung war die amerikanische Bratschistin Barbara Westphal angerückt, die sich gleich am Anfang unauffällig in den federnden Achtelschritt einreihte und ihren Part auch sonst nur zum Vorteil des Ganzen ausführte. Herrlich, weil richtig wie auf Zehenspitzen, intonierte Runge das Hauptthema des ersten Satzes. Wunderbar ergingen sich Jacobson und Prischepenko während des Andante in intimem Zwiegespräch, und durchdrungen vom Schwung des finalen Allegro tanzten die Stimmen am Ende des ersten Themendurchlaufs wie Quecksilberkügelchen.
16.05.2005 - Ein eindrucksvoller Auftritt
SCHWETZINGEN: Artemis-Quartett überzeugt bei den Festspielen im Rokokotheater
Worin gründet das Unwiderstehliche im Spiel des Artemis-Quartetts, das die Reihe "Schubertiade" innerhalb der Schwetzin-ger Festspiele eröffnete? Dass Heime Müller und Natalia Prishchepenko (Violine), Volker Jacobsen (Viola) und Eckart Runge (Violoncello) spieltechnisch exzellent harmonieren, ist zwar in der hochkomplexen Disziplin "Streichquartett" nicht selbstverständlich, aber dem Festival-Anspruch angemessen; nein, das Faszinierende im Spiel dieses vor gut zehn Jahren gegründeten Ensembles besteht in der Gunst, den Besucher die Stücke neu hören zu lassen.
Gerade mal 16 Jahre jung war Schubert, als er sein C-Dur-Streichquartett schrieb. Aber im Unterschied etwa zu den Jugendsinfonien scheint in diesem Stück der "späte" Schubert enthalten, so sehr spüren die Artemis-Musiker einer Musik nach, die schon mit der chromatisch absteigenden Eröffnungsformel geheimnisvolle Welten betritt. Entschlossen nimmt das Quartett das Publikum mit auf eine Entdeckungsreise, in der etwa das konventionelle Thema des langsamen Satzes im Kontrast mit dem harschen Gegenmotiv plötzlich wie ein Juwel auftaucht. Überhaupt dient überall die Natürlichkeit als Grundlage für ein komplexes Ausleuchten von Form und Gedanke, Klangempfinden und Esprit, was zu einer kunstvollen Synthese führt.
Auch die a-Moll-Sonate für Violine und Klavier, hier von Natalia Prishchepenko und Valery Afanassiev vorgestellt, lebt von der Suche nach dem, was sich hinter einer eher glatten Fassade abspielt. Plötzlich kommt ein erzählerischer Schwebezustand zwischen Trauer und Süße zum Vorschein, dem zudem ein eher ins Herbe tendierender Klavierklang zum nachdenklichen Muster verhilft; die Geigerin vereint delikate Valeurs mit genau eingesetzter Emotionalität.
Schwergewicht war das "Forellenquintett" (mit dem Pianisten Afanassiev und dem Kontrabassisten Janne Saksala), dem Inbegriff inspirierter Kammermusik. Auffallend die maßvollen Grundtempi, die Zeit fürs Hineinhorchen und wohl vorbereitete Aufschwünge lassen, sowie ein Klavierpart, der dem nahe liegenden Begriff von "quellfrisch" aus dem Wege geht. Wunderschön entspannt wirken die "Forelle"-Va-riationen, von inspiriertem Feuer durchlodert das Finale. Selten hört man diese Musik so intensiv gespannt im subtilen Ausloten einer Gedanklichkeit, die weit über die immanente Spielfreude hinausgeht. Ein eindrucksvoller Auftritt. Das Publikum war hoch zufrieden.
BE
SCHWETZINGEN: Artemis-Quartett überzeugt bei den Festspielen im Rokokotheater
Worin gründet das Unwiderstehliche im Spiel des Artemis-Quartetts, das die Reihe "Schubertiade" innerhalb der Schwetzin-ger Festspiele eröffnete? Dass Heime Müller und Natalia Prishchepenko (Violine), Volker Jacobsen (Viola) und Eckart Runge (Violoncello) spieltechnisch exzellent harmonieren, ist zwar in der hochkomplexen Disziplin "Streichquartett" nicht selbstverständlich, aber dem Festival-Anspruch angemessen; nein, das Faszinierende im Spiel dieses vor gut zehn Jahren gegründeten Ensembles besteht in der Gunst, den Besucher die Stücke neu hören zu lassen.
Gerade mal 16 Jahre jung war Schubert, als er sein C-Dur-Streichquartett schrieb. Aber im Unterschied etwa zu den Jugendsinfonien scheint in diesem Stück der "späte" Schubert enthalten, so sehr spüren die Artemis-Musiker einer Musik nach, die schon mit der chromatisch absteigenden Eröffnungsformel geheimnisvolle Welten betritt. Entschlossen nimmt das Quartett das Publikum mit auf eine Entdeckungsreise, in der etwa das konventionelle Thema des langsamen Satzes im Kontrast mit dem harschen Gegenmotiv plötzlich wie ein Juwel auftaucht. Überhaupt dient überall die Natürlichkeit als Grundlage für ein komplexes Ausleuchten von Form und Gedanke, Klangempfinden und Esprit, was zu einer kunstvollen Synthese führt.
Auch die a-Moll-Sonate für Violine und Klavier, hier von Natalia Prishchepenko und Valery Afanassiev vorgestellt, lebt von der Suche nach dem, was sich hinter einer eher glatten Fassade abspielt. Plötzlich kommt ein erzählerischer Schwebezustand zwischen Trauer und Süße zum Vorschein, dem zudem ein eher ins Herbe tendierender Klavierklang zum nachdenklichen Muster verhilft; die Geigerin vereint delikate Valeurs mit genau eingesetzter Emotionalität.
Schwergewicht war das "Forellenquintett" (mit dem Pianisten Afanassiev und dem Kontrabassisten Janne Saksala), dem Inbegriff inspirierter Kammermusik. Auffallend die maßvollen Grundtempi, die Zeit fürs Hineinhorchen und wohl vorbereitete Aufschwünge lassen, sowie ein Klavierpart, der dem nahe liegenden Begriff von "quellfrisch" aus dem Wege geht. Wunderschön entspannt wirken die "Forelle"-Va-riationen, von inspiriertem Feuer durchlodert das Finale. Selten hört man diese Musik so intensiv gespannt im subtilen Ausloten einer Gedanklichkeit, die weit über die immanente Spielfreude hinausgeht. Ein eindrucksvoller Auftritt. Das Publikum war hoch zufrieden.
BE
12.05.2005 - Leichtigkeit des Seins
VON HARALD EGGEBRECHT
Das Artemis-Quartett spielt Beethoven im Herkulessaal
Beethovens Streichquartette gehören zum Allerheiligsten der Musik. Jedes Ensemble von Rang hat sich diesem einzigartigen Werkkosmos zu stellen, der alles im Extrem fordert: instrumentale Virtuosität, gedankliche Reaktionsschnelligkeit, neugierig-frische Klangphantasie, unerschöpfbaren Atem für die Dimensionen und den Tief sinn der langsamen Sätze, schließlich eminente Kraftreserven, um diese Ansprüche überhaupt verwirklichen zu können. Das zu Recht bereits mit weltweitem Ruhm bedeckte, mitreißend junge Artemis-Quartett begann mit dem letzten der sechs Quartette op. 18. Dann folgte op. 95, zum Schluss das erste der drei Quartette op. 59, die Beethoven für den Grafen Rasumoffsky schrieb.
Geradezu schockartig wirkt die Aggressivität, mit der die Musik den Hörer anspringt. Die Artemis-Leute attackierten voller Lust, ließen es blitzen und funkeln und jagten so rasch und leichtfüßig dahin, dass man sich manchmal an Mendelssohnsehen Schwung erinnert fühlte. Insgesamt geriet das Quartett dabei aber etwas in Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren, also das Gewicht der Akzente zu sehr zu verringern, die Schärfe und Unmissverständlichkeit der Artikulation nicht mit letztem Nachdruck auszufor-mulieren. Das f-Moll-Quartett Op. 95, das Beethoven ausdrücklich als "serio-so" bezeichnete, gelang den vier Musikern als fulminante Vorausschau in romantische Welten der Zerrissenheit, Wehmut, Leidenschaftlichkeit, plötzlicher Aufhellungen und Farbwechsel.
Wohltuend, wenn wie bei diesen so vitalen wie ernsten Musikern nichts die Konzentration auf das Erklingende stört. Natalia Prischepenko, Heime Müller, Violinen, Volker Jakobsen, Viola, und Eckart Runge, Violoncello verlebendigten das erste Rasumoffsky-Quartett mit angstfreier, kühner Intensität. Die Musik erschien unmittelbar, mätzchenfrei, genau konturiert, wunderbar kanta-bel, rhythmisch gepfeffert und weiträumig gestaltet.
VON HARALD EGGEBRECHT
Das Artemis-Quartett spielt Beethoven im Herkulessaal
Beethovens Streichquartette gehören zum Allerheiligsten der Musik. Jedes Ensemble von Rang hat sich diesem einzigartigen Werkkosmos zu stellen, der alles im Extrem fordert: instrumentale Virtuosität, gedankliche Reaktionsschnelligkeit, neugierig-frische Klangphantasie, unerschöpfbaren Atem für die Dimensionen und den Tief sinn der langsamen Sätze, schließlich eminente Kraftreserven, um diese Ansprüche überhaupt verwirklichen zu können. Das zu Recht bereits mit weltweitem Ruhm bedeckte, mitreißend junge Artemis-Quartett begann mit dem letzten der sechs Quartette op. 18. Dann folgte op. 95, zum Schluss das erste der drei Quartette op. 59, die Beethoven für den Grafen Rasumoffsky schrieb.
Geradezu schockartig wirkt die Aggressivität, mit der die Musik den Hörer anspringt. Die Artemis-Leute attackierten voller Lust, ließen es blitzen und funkeln und jagten so rasch und leichtfüßig dahin, dass man sich manchmal an Mendelssohnsehen Schwung erinnert fühlte. Insgesamt geriet das Quartett dabei aber etwas in Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren, also das Gewicht der Akzente zu sehr zu verringern, die Schärfe und Unmissverständlichkeit der Artikulation nicht mit letztem Nachdruck auszufor-mulieren. Das f-Moll-Quartett Op. 95, das Beethoven ausdrücklich als "serio-so" bezeichnete, gelang den vier Musikern als fulminante Vorausschau in romantische Welten der Zerrissenheit, Wehmut, Leidenschaftlichkeit, plötzlicher Aufhellungen und Farbwechsel.
Wohltuend, wenn wie bei diesen so vitalen wie ernsten Musikern nichts die Konzentration auf das Erklingende stört. Natalia Prischepenko, Heime Müller, Violinen, Volker Jakobsen, Viola, und Eckart Runge, Violoncello verlebendigten das erste Rasumoffsky-Quartett mit angstfreier, kühner Intensität. Die Musik erschien unmittelbar, mätzchenfrei, genau konturiert, wunderbar kanta-bel, rhythmisch gepfeffert und weiträumig gestaltet.
27.04.2005 - Artemis: Turning Up The Volume
By Daniel Ginsberg
The Artemis String Quartet is a superb European ensemble that doesn't sound so, well, European. True, Artemis plays with all the intensity of feeling, warmth of expression and rhythmic precision of its continental cousins. Yet this youthful foursome from Berlin is not afraid to supercharge music with volume and kinetic energy. Making its third appearance in the Washington area in recent years, Artemis gave a magnificent concert on Wednesday evening at the Terrace Theater.
A blistering performance of Felix Mendelssohn's stormy String Quartet in A Minor, Op. 13, allowed the ensemble's supple blended sound to appear one second and the individual tonal beauty of each player the next. Whether in the careening opening or the more elfin scherzo, this was a reading of uncommon style and proportion. When the solemn opening theme reappeared after the storm and stress of the preceding 20 minutes, the music was not so much repeated as enriched.
Strongly accented phrasing and well defined balances reaped a sleek Bartok String Quartet No. 2, Op. 17, the best moments of which came in the relentlessly braying and madcap second movement. An introspective opening and melancholic finale served as alluring if pungent bookends to this musical chaos.
In Robert Schumann's String Quartet in A, Op. 41, Artemis smartly tugged on the tempos and dynamics, highlighting this musical gem's underlying construction. Artemis's constant search for sparkle enriched the brilliant second movement and the tender adagio. A blazing finale rocketed this Washington Performing Arts Society-sponsored concert into the stratosphere.
By Daniel Ginsberg
The Artemis String Quartet is a superb European ensemble that doesn't sound so, well, European. True, Artemis plays with all the intensity of feeling, warmth of expression and rhythmic precision of its continental cousins. Yet this youthful foursome from Berlin is not afraid to supercharge music with volume and kinetic energy. Making its third appearance in the Washington area in recent years, Artemis gave a magnificent concert on Wednesday evening at the Terrace Theater.
A blistering performance of Felix Mendelssohn's stormy String Quartet in A Minor, Op. 13, allowed the ensemble's supple blended sound to appear one second and the individual tonal beauty of each player the next. Whether in the careening opening or the more elfin scherzo, this was a reading of uncommon style and proportion. When the solemn opening theme reappeared after the storm and stress of the preceding 20 minutes, the music was not so much repeated as enriched.
Strongly accented phrasing and well defined balances reaped a sleek Bartok String Quartet No. 2, Op. 17, the best moments of which came in the relentlessly braying and madcap second movement. An introspective opening and melancholic finale served as alluring if pungent bookends to this musical chaos.
In Robert Schumann's String Quartet in A, Op. 41, Artemis smartly tugged on the tempos and dynamics, highlighting this musical gem's underlying construction. Artemis's constant search for sparkle enriched the brilliant second movement and the tender adagio. A blazing finale rocketed this Washington Performing Arts Society-sponsored concert into the stratosphere.
21.04.2005 - Mozart and Bartok Find a Lot to Talk About
By ALLAN KOZINN
Artemis String Quartet - Zankel Hall
For its concert at Zankel Hall on Thursday evening, the Artemis String Quartet, a young ensemble from Berlin, played a no-frills program, with neither thematic undercurrents nor daring premieres - just works by Mozart, Bartok and Schumann. But the music was performed in a way that showed that the Artemis players had thought deeply about it. And some intriguing connections emerged.
Bartok, for example, has slipped fully into the mainstream canon, yet there are still listeners who find the spare, acidic language of his quartets to be a break with the past. By juxtaposing Mozart's String Quartet in F (K. 590) and Bartok's String Quartet No. 2 (Op. 17), this young quartet showed that this is hardly the case - so long as the Mozart is played with the same intensity and vigor that musicians bring to Bartok. They arrived at this conclusion partly by stealth: in its opening pages, the Mozart was the picture of trim, focused Classicism. But this is mature Mozart, not the courtly writing of his early years, and as the work progressed, the veneer of refinement quickly gave way to richer, gamier textures, dramatic dynamics and, in the Menuetto, an emphasis on Mozart's brash dissonances.
When the Bartok followed, there was no sense of a break in tradition, only an increased intensity of harmonic language, and, perhaps, a greater willingness to capture in music the essence of desolation. To that end, the musicians played the work's dark finale with a purposeful bleakness, virtually devoid of tone color. Coming after the white-hot middle movement - not to mention the warmth of the Mozart - that chilling grayness came as a shock.
After the intermission, the ensemble gave an account of Schumann's String Quartet No. 3 that showed the extent to which Schumann felt the influences of both Beethoven (in the opening movement) and Mendelssohn (in the sprightly finale). As in the Mozart and Bartok, the playing was richly textured and beautifully shaped.
By ALLAN KOZINN
Artemis String Quartet - Zankel Hall
For its concert at Zankel Hall on Thursday evening, the Artemis String Quartet, a young ensemble from Berlin, played a no-frills program, with neither thematic undercurrents nor daring premieres - just works by Mozart, Bartok and Schumann. But the music was performed in a way that showed that the Artemis players had thought deeply about it. And some intriguing connections emerged.
Bartok, for example, has slipped fully into the mainstream canon, yet there are still listeners who find the spare, acidic language of his quartets to be a break with the past. By juxtaposing Mozart's String Quartet in F (K. 590) and Bartok's String Quartet No. 2 (Op. 17), this young quartet showed that this is hardly the case - so long as the Mozart is played with the same intensity and vigor that musicians bring to Bartok. They arrived at this conclusion partly by stealth: in its opening pages, the Mozart was the picture of trim, focused Classicism. But this is mature Mozart, not the courtly writing of his early years, and as the work progressed, the veneer of refinement quickly gave way to richer, gamier textures, dramatic dynamics and, in the Menuetto, an emphasis on Mozart's brash dissonances.
When the Bartok followed, there was no sense of a break in tradition, only an increased intensity of harmonic language, and, perhaps, a greater willingness to capture in music the essence of desolation. To that end, the musicians played the work's dark finale with a purposeful bleakness, virtually devoid of tone color. Coming after the white-hot middle movement - not to mention the warmth of the Mozart - that chilling grayness came as a shock.
After the intermission, the ensemble gave an account of Schumann's String Quartet No. 3 that showed the extent to which Schumann felt the influences of both Beethoven (in the opening movement) and Mendelssohn (in the sprightly finale). As in the Mozart and Bartok, the playing was richly textured and beautifully shaped.
25.02.2005 - Zwei Epochen begegnen einander in fabelhafter Homogenität
Von unserem Mitarbeiter Hartmut Lück
Das Artemis-Quartett und die Sopranistin Juliane Banse waren beim 5. Philharmonischen Kammerkonzert in der Glocke zu hören
BREMEN. Im 5. Philharmonischen Kammerkonzert im Kleinen Glockensaal konnte man ein exquisit "komponiertes" Programm genießen: das Artemis-Quartett (Heime Müller, Natalia Prischepenko, Volker Jacobsen, Eckart Junge) begann mit Felix Mendels-sohn-Bartholdys Streichquartett a-moll op. 13; dann folgten, zusammen mit der Sopranistin Juliane Banse, Werke für diese aparte vokal-kammermusikalische Besetzung, nämlich das jüngste Opus des Zeitgenossen Jörg Widmann sowie Lieder von Mendelssohn, die Aribert Reimann für Gesang und Streichquartett gesetzt und mit eigenen Intermezzi quasi "kommentiert" hat. Das Quartett in a-moll des 18jährigen Mendelssohn erlebte eine von romantischer Inbrunst durchlebte, gleichwohl aber auch auf dem höchsten technischen Niveau angesiedelte Wiedergabe. Hier gefiel nicht nur der weiche, flexible Klang der einzelnen Instrumente, sondern vor allem die traumhafte Homogenität, auch in den Charakterstücken des Intermezzo-Satzes zwischen melancholischer Serenade und koboldhaftem Trio.
Jörg Widmann nannte sein 5. Streichquartett "Versuch über die Fuge" und fügte zum Quartett eine Sopranstimme hinzu, die lateinische Bibelworte rezitierend singt (In solchen Fällen wäre es hilfreich, die Texte im Programmheft abzudrucken). Es ist ein Werk tatsächlich über "Versuche", eine Fuge, auch im wörtlichen Sinne von "Flucht", zu beginnen, die aber immer wieder abbrechen. Es ist eine Wanderung an barock klingenden Motiven vorbei (selbst ein verdrehtes B-A-C-H taucht auf), verfremdet durch Keuchgeräusche und das Schlagen des Bogens durch die Luft, eine Mini-Windmaschine; höchst spannungsvoll und anregend in den Allusionen an traditionelle Musik, zu ihnen hin und wieder von ihnen weg führend - das Artemis-Quartett, das erst vor wenigen Tagen auch die Uraufführung des Werkes besorgte, zeigte eine höchst präsente und sinnliche Interpretation.
Juliane Banse, die sich in dieses Konzept tadellos einfügte, kam aber recht eigentlich erst in Aribert Reimanns Mendelssohn-Zyklus zu ihrem Recht. Reimann nennt seine Fassung von acht Mendelssohn-Liedern "...oder soll es Tod bedeuten?", ein Hinweis auf die Spannung der zugrunde liegenden Gedichte Heinrich Heines zwischen Romantik und desillusionierter Ironie; und dies komponierte Reimann in seinen Intermezzi zwischen den Liedern auch aus: eine Verstö-rung, ein Zweifel an der Haltbarkeit romantischer Bilder. Juliane Banse bot hier wunderbar ausformulierte Melodiebögen und eine blendende dynamische Kultur ihrer Stimme, vor allem im Piano-Bereich. Eine höchst anregende Begegnung zweier Epochen in einem Stück.
Von unserem Mitarbeiter Hartmut Lück
Das Artemis-Quartett und die Sopranistin Juliane Banse waren beim 5. Philharmonischen Kammerkonzert in der Glocke zu hören
BREMEN. Im 5. Philharmonischen Kammerkonzert im Kleinen Glockensaal konnte man ein exquisit "komponiertes" Programm genießen: das Artemis-Quartett (Heime Müller, Natalia Prischepenko, Volker Jacobsen, Eckart Junge) begann mit Felix Mendels-sohn-Bartholdys Streichquartett a-moll op. 13; dann folgten, zusammen mit der Sopranistin Juliane Banse, Werke für diese aparte vokal-kammermusikalische Besetzung, nämlich das jüngste Opus des Zeitgenossen Jörg Widmann sowie Lieder von Mendelssohn, die Aribert Reimann für Gesang und Streichquartett gesetzt und mit eigenen Intermezzi quasi "kommentiert" hat. Das Quartett in a-moll des 18jährigen Mendelssohn erlebte eine von romantischer Inbrunst durchlebte, gleichwohl aber auch auf dem höchsten technischen Niveau angesiedelte Wiedergabe. Hier gefiel nicht nur der weiche, flexible Klang der einzelnen Instrumente, sondern vor allem die traumhafte Homogenität, auch in den Charakterstücken des Intermezzo-Satzes zwischen melancholischer Serenade und koboldhaftem Trio.
Jörg Widmann nannte sein 5. Streichquartett "Versuch über die Fuge" und fügte zum Quartett eine Sopranstimme hinzu, die lateinische Bibelworte rezitierend singt (In solchen Fällen wäre es hilfreich, die Texte im Programmheft abzudrucken). Es ist ein Werk tatsächlich über "Versuche", eine Fuge, auch im wörtlichen Sinne von "Flucht", zu beginnen, die aber immer wieder abbrechen. Es ist eine Wanderung an barock klingenden Motiven vorbei (selbst ein verdrehtes B-A-C-H taucht auf), verfremdet durch Keuchgeräusche und das Schlagen des Bogens durch die Luft, eine Mini-Windmaschine; höchst spannungsvoll und anregend in den Allusionen an traditionelle Musik, zu ihnen hin und wieder von ihnen weg führend - das Artemis-Quartett, das erst vor wenigen Tagen auch die Uraufführung des Werkes besorgte, zeigte eine höchst präsente und sinnliche Interpretation.
Juliane Banse, die sich in dieses Konzept tadellos einfügte, kam aber recht eigentlich erst in Aribert Reimanns Mendelssohn-Zyklus zu ihrem Recht. Reimann nennt seine Fassung von acht Mendelssohn-Liedern "...oder soll es Tod bedeuten?", ein Hinweis auf die Spannung der zugrunde liegenden Gedichte Heinrich Heines zwischen Romantik und desillusionierter Ironie; und dies komponierte Reimann in seinen Intermezzi zwischen den Liedern auch aus: eine Verstö-rung, ein Zweifel an der Haltbarkeit romantischer Bilder. Juliane Banse bot hier wunderbar ausformulierte Melodiebögen und eine blendende dynamische Kultur ihrer Stimme, vor allem im Piano-Bereich. Eine höchst anregende Begegnung zweier Epochen in einem Stück.
31.01.2005 - La relève des plus grands
La critique de Christian Merlin
IL Y AVAIT BIEN EU QUELQUES INDICES.
Deux films réalisés par Bruno Monsaingeon, dont un où on les voyait travailler La Jeune Fille et la Mort avec le Quatuor Alban Berg : quelque chose comme un passage de relais. Et puis leur dernier disque Beethoven, récemment paru chez Ars Musici (distribué par Intégral), d'un niveau d'achèvement peu commun pour un quatuor encore jeune. Mais rien ne vaut l'expérience du concert pour se faire une idée. Grâce à Jeanine Boze, c'est chose faite depuis lundi, et la confirmation est éclatante : le Quatuor Artemis est bien la relève des plus grands. Le public ne va pas tarder à le savoir, et prenons ici le pari que, dans peu de temps, il n'y aura plus de rangs clairsemés comme l'autre soir au Théâtre des Champs-Elysées, car ils feront salle comble. Ces quatre jeunes gens qui se sont rencontrés voici plus de dix ans au conservatoire de Lübeck viennent en effet de nous donner une leçon de maturité musicale.
Dans trois quatuors de Beethoven, le n° 6, dernier de la première période, le n° 7, premier des trois « Razoumovski » et le n° 11, Quartetto serioso, on n'a cessé d'admirer une précision de jeu qui n'est pas inhumaine car elle est nourrie de culture classique : l'humour est pétillant, l'élégie n'est pas larmoyante. Presque haydnienne, leur sonorité toute en finesse n'est ni symphonique ni soumise à la moindre distorsion : avec un usage parcimonieux du vibrato, ils conservent une clarté, une lumière même, qui irradie tout le discours musical et en rend la forme évidente. Cette maîtrise de l'équilibre sonore leur permet de doser magistralement les gradations et de garder le contrôle de la dynamique, du piano le plus subtil à un forte jamais dur ou asséné. Le collectif prime donc toujours sur les individualités, même si l'on ne peut s'empêcher de remarquer que, même quand elle passe du premier au second violon pour alterner avec son collègue, c'est bien Natalia Prischepenko, la seule femme du Quatuor Artemis, qui semble être l'âme de cet ensemble de grande classe. Vous ne pourrez plus dire qu'on ne vous aura pas prévenus.
La critique de Christian Merlin
IL Y AVAIT BIEN EU QUELQUES INDICES.
Deux films réalisés par Bruno Monsaingeon, dont un où on les voyait travailler La Jeune Fille et la Mort avec le Quatuor Alban Berg : quelque chose comme un passage de relais. Et puis leur dernier disque Beethoven, récemment paru chez Ars Musici (distribué par Intégral), d'un niveau d'achèvement peu commun pour un quatuor encore jeune. Mais rien ne vaut l'expérience du concert pour se faire une idée. Grâce à Jeanine Boze, c'est chose faite depuis lundi, et la confirmation est éclatante : le Quatuor Artemis est bien la relève des plus grands. Le public ne va pas tarder à le savoir, et prenons ici le pari que, dans peu de temps, il n'y aura plus de rangs clairsemés comme l'autre soir au Théâtre des Champs-Elysées, car ils feront salle comble. Ces quatre jeunes gens qui se sont rencontrés voici plus de dix ans au conservatoire de Lübeck viennent en effet de nous donner une leçon de maturité musicale.
Dans trois quatuors de Beethoven, le n° 6, dernier de la première période, le n° 7, premier des trois « Razoumovski » et le n° 11, Quartetto serioso, on n'a cessé d'admirer une précision de jeu qui n'est pas inhumaine car elle est nourrie de culture classique : l'humour est pétillant, l'élégie n'est pas larmoyante. Presque haydnienne, leur sonorité toute en finesse n'est ni symphonique ni soumise à la moindre distorsion : avec un usage parcimonieux du vibrato, ils conservent une clarté, une lumière même, qui irradie tout le discours musical et en rend la forme évidente. Cette maîtrise de l'équilibre sonore leur permet de doser magistralement les gradations et de garder le contrôle de la dynamique, du piano le plus subtil à un forte jamais dur ou asséné. Le collectif prime donc toujours sur les individualités, même si l'on ne peut s'empêcher de remarquer que, même quand elle passe du premier au second violon pour alterner avec son collègue, c'est bien Natalia Prischepenko, la seule femme du Quatuor Artemis, qui semble être l'âme de cet ensemble de grande classe. Vous ne pourrez plus dire qu'on ne vous aura pas prévenus.
30.01.2005 - Diesem Beethoven-Spiel muss man einfach zuhören
VON MARKUS SCHWERING
Das Artemis-Quartett spielte wieder einmal hinreißend im Kölner Funkhaus.
Beethoven zeigt als Quartettkomponist von Anfang an Zähne. Und das Artemis-Quartett, das jetzt im Kölner Funkhaus den zweiten seiner vier Quartettabende in dieser Saison absolvierte, bringt die besten Voraussetzungen mit, das Unbotmäßige, Widerborstige eines frühen Werkes wie des Opus 18/6 herauszustellen. Die unwirsche Attacke des Beginns kam ohne jede Tendenz zur Weichzeichnung - ohne dass übrigens deswegen geholzt worden wäre. Die Auftakt-Doppelschläge gelangen leicht und elegant, in wunderbarem Wechselspiel von erster Violine und Cello. Zwischen aufbrausendem Furor und klassischer Formbeherrschung halten die Diener der griechischen Jagdgöttin stets
Schiller hätte von ,energischer Schönheit" gesprochen
das glücklichste Gleichgewicht. Reiche Innenspannungen und Ausdruckswechsel sowie eine immer wieder neu hergestellte Balance der Stimmen zeichnen ein Beethoven-Spiel aus, dem man einfach zuhören muss. Schiller hätte von "energischer Schönheit" gesprochen.
Dieses Wort drängte sich vollends beim zweiten Beethoven-Werk auf, dem groß dimensionierten Quartett Opus 59/1, etwa bei der motivischen Verdichtung der Durchführung im ersten und beim herrlichen, stets in anderen Stimmen erscheinenden Thema des dritten Satzes. Anlässlich von Bartoks - in der Mitte platziertem - zweitem Streichquartett zeigten die Gäste, dass ihnen die Intensität der Klage, die schmerzhafte Überreizung und das resignierte Verstummen gestalterisch genauso zu Gebote stehen. Das Artemis-Quartett zu loben wird allmählich langweilig. Die Gefahr zu langweilen, geht der Rezensent im vorliegenden Fall aber gerne ein.
VON MARKUS SCHWERING
Das Artemis-Quartett spielte wieder einmal hinreißend im Kölner Funkhaus.
Beethoven zeigt als Quartettkomponist von Anfang an Zähne. Und das Artemis-Quartett, das jetzt im Kölner Funkhaus den zweiten seiner vier Quartettabende in dieser Saison absolvierte, bringt die besten Voraussetzungen mit, das Unbotmäßige, Widerborstige eines frühen Werkes wie des Opus 18/6 herauszustellen. Die unwirsche Attacke des Beginns kam ohne jede Tendenz zur Weichzeichnung - ohne dass übrigens deswegen geholzt worden wäre. Die Auftakt-Doppelschläge gelangen leicht und elegant, in wunderbarem Wechselspiel von erster Violine und Cello. Zwischen aufbrausendem Furor und klassischer Formbeherrschung halten die Diener der griechischen Jagdgöttin stets
Schiller hätte von ,energischer Schönheit" gesprochen
das glücklichste Gleichgewicht. Reiche Innenspannungen und Ausdruckswechsel sowie eine immer wieder neu hergestellte Balance der Stimmen zeichnen ein Beethoven-Spiel aus, dem man einfach zuhören muss. Schiller hätte von "energischer Schönheit" gesprochen.
Dieses Wort drängte sich vollends beim zweiten Beethoven-Werk auf, dem groß dimensionierten Quartett Opus 59/1, etwa bei der motivischen Verdichtung der Durchführung im ersten und beim herrlichen, stets in anderen Stimmen erscheinenden Thema des dritten Satzes. Anlässlich von Bartoks - in der Mitte platziertem - zweitem Streichquartett zeigten die Gäste, dass ihnen die Intensität der Klage, die schmerzhafte Überreizung und das resignierte Verstummen gestalterisch genauso zu Gebote stehen. Das Artemis-Quartett zu loben wird allmählich langweilig. Die Gefahr zu langweilen, geht der Rezensent im vorliegenden Fall aber gerne ein.
2004
02.10.2004 - Traditionslos und radikal
sö
Artemis-Quartett in vollendeter Leichtigkeit
Hamburg - Vor einer Woche erst hatte das famose Artemis-Quartett aus Berlin Mauricio Sotelos zweites Streichquartett in Manchester uraufgeführt, jetzt stellte es das Stück des Spaniers im Rahmen der Kammerkonzerte im Curio-Haus vor. Besser lässt sich zeitgenössische Musik nicht vermitteln: Der Komponist selbst erklärte seine Art, den Flamenco zu beschreiben.
Angeregt von der Volksmusik Andalusiens entstanden nicht nur Klangstrukturen vom kaum wahrnehmbaren Pianissimo bis zu virtuosen Tutti, sie gaben den Musikern zudem reichlich Gelegenheit, sich auch solistisch zu entfalten. So ein endlos klagendes Bratschensolo wie in diesem Stück hat seit Schostakowitsch kaum jemand wieder zu Papier gebracht.
Im anderen Hauptwerk des Abends, Mozarts letztem Streichquartett KV 590, wurde offenbar, womit Natalia Prischepenko und Heime Müller (Geigen), Volker Jacobson (Bratsche) und Eckart Runge (Cello) ihren schon legendären Ruf sich erspielten: Sie hören ganz besonders aufeinander. Und scheinen gemeinsam zu atmen. Motive wurden voller Leichtigkeit über die Pulte hinweg zugespielt und wieder aufgenommen, man nahm sich zurück, um eine andere Stimme zu stützen - was für das Quartettspiel eigentlich selbstverständlich sein sollte, wurde hier vollendet ausgeführt.
sö
Artemis-Quartett in vollendeter Leichtigkeit
Hamburg - Vor einer Woche erst hatte das famose Artemis-Quartett aus Berlin Mauricio Sotelos zweites Streichquartett in Manchester uraufgeführt, jetzt stellte es das Stück des Spaniers im Rahmen der Kammerkonzerte im Curio-Haus vor. Besser lässt sich zeitgenössische Musik nicht vermitteln: Der Komponist selbst erklärte seine Art, den Flamenco zu beschreiben.
Angeregt von der Volksmusik Andalusiens entstanden nicht nur Klangstrukturen vom kaum wahrnehmbaren Pianissimo bis zu virtuosen Tutti, sie gaben den Musikern zudem reichlich Gelegenheit, sich auch solistisch zu entfalten. So ein endlos klagendes Bratschensolo wie in diesem Stück hat seit Schostakowitsch kaum jemand wieder zu Papier gebracht.
Im anderen Hauptwerk des Abends, Mozarts letztem Streichquartett KV 590, wurde offenbar, womit Natalia Prischepenko und Heime Müller (Geigen), Volker Jacobson (Bratsche) und Eckart Runge (Cello) ihren schon legendären Ruf sich erspielten: Sie hören ganz besonders aufeinander. Und scheinen gemeinsam zu atmen. Motive wurden voller Leichtigkeit über die Pulte hinweg zugespielt und wieder aufgenommen, man nahm sich zurück, um eine andere Stimme zu stützen - was für das Quartettspiel eigentlich selbstverständlich sein sollte, wurde hier vollendet ausgeführt.
14.07.2004 - Artemis Quartet, Musica Viva
By Peter McCallum
Musica Viva with the Goethe-lnstitut City Recital Hall Angel Place, July 12
It was like watching David emerge from the marble. All the rough-hewn fragments one so often hears (and excuses) in less masterly performances of Beethoven's monumental String Quartet in B flat, opus 130 with its original finale, the Great Fuge, fell away, leaving only one of the most vivid, boldest, clearest constructions in sound ever imagined.
In the first movement the Artemis Quartet captured instantly the uneasy discursive tension which Beethoven strangely created by the juxtapositions of opposites: subtly nuanced phrases of expressive finesse against energised textures of forward aspiration.
The scherzo was delicate and light, almost ghostly, while the third movement, one of Beethoven's maturest whimsical andantes, was characterised with a fine ear for its amiability and perhaps gentle parody.
The tedesca was fleet and sweet (a little fast for my taste), while the cavatina, which Beethoven said he couldn't hear without weeping (never mind that he was deaf) spoke with purely balanced simplicity without a hint of exaggeration. But despite all these beauties it was the Great Fugue - the monstrous finale which Beethoven's friends and publishers persuaded him to sever and publish separately - which was miraculous. No shape, however tortured, emerged without clarity of thought and expressive forcefulness; no player of this most well-matched group let his or her strand slacken in this great fabric, even for an instant.
Yet from what the Artemis Quartet had delivered before interval one had expected something great. Brett Dean's Eclipse for String Quartet was also built on sinewy textures and strong ideas - one of the best pieces by this composer I have heard.
Written in three parts in response to feelings aroused by the Tampa crisis, it started with sustained tones, fleeting murmurs before leading into melody accompanied with increasing intensity before it breaks into rhythmically pointed plucking.
The second movement was indignantly vigorous, while the last section subsided to sustained expressive moments of painful beauty and bleakness. To start we had heard Haydn's String Quartet in F minor, opus 20 no 5, which starts with one of those lovely serious Haydn themes, lingering on each bar as though pausing for thought on a walk.
Here the Artemis Quartet was flexible, expressive, imaginative and in the amiable slow movement one couldn't help noticing how well balanced the group was, the two violins (Natalia Prishchepenko and Heime Muller) blending with transparent glowing sonority, the cellist (Eckart Runge) projecting the most innocent of accompanying lines with vivid personality, and the viola (Volker Jacobsen) blending distinctly and seamlessly.
Unforgettable playing in the service of great music.
By Peter McCallum
Musica Viva with the Goethe-lnstitut City Recital Hall Angel Place, July 12
It was like watching David emerge from the marble. All the rough-hewn fragments one so often hears (and excuses) in less masterly performances of Beethoven's monumental String Quartet in B flat, opus 130 with its original finale, the Great Fuge, fell away, leaving only one of the most vivid, boldest, clearest constructions in sound ever imagined.
In the first movement the Artemis Quartet captured instantly the uneasy discursive tension which Beethoven strangely created by the juxtapositions of opposites: subtly nuanced phrases of expressive finesse against energised textures of forward aspiration.
The scherzo was delicate and light, almost ghostly, while the third movement, one of Beethoven's maturest whimsical andantes, was characterised with a fine ear for its amiability and perhaps gentle parody.
The tedesca was fleet and sweet (a little fast for my taste), while the cavatina, which Beethoven said he couldn't hear without weeping (never mind that he was deaf) spoke with purely balanced simplicity without a hint of exaggeration. But despite all these beauties it was the Great Fugue - the monstrous finale which Beethoven's friends and publishers persuaded him to sever and publish separately - which was miraculous. No shape, however tortured, emerged without clarity of thought and expressive forcefulness; no player of this most well-matched group let his or her strand slacken in this great fabric, even for an instant.
Yet from what the Artemis Quartet had delivered before interval one had expected something great. Brett Dean's Eclipse for String Quartet was also built on sinewy textures and strong ideas - one of the best pieces by this composer I have heard.
Written in three parts in response to feelings aroused by the Tampa crisis, it started with sustained tones, fleeting murmurs before leading into melody accompanied with increasing intensity before it breaks into rhythmically pointed plucking.
The second movement was indignantly vigorous, while the last section subsided to sustained expressive moments of painful beauty and bleakness. To start we had heard Haydn's String Quartet in F minor, opus 20 no 5, which starts with one of those lovely serious Haydn themes, lingering on each bar as though pausing for thought on a walk.
Here the Artemis Quartet was flexible, expressive, imaginative and in the amiable slow movement one couldn't help noticing how well balanced the group was, the two violins (Natalia Prishchepenko and Heime Muller) blending with transparent glowing sonority, the cellist (Eckart Runge) projecting the most innocent of accompanying lines with vivid personality, and the viola (Volker Jacobsen) blending distinctly and seamlessly.
Unforgettable playing in the service of great music.